Berlin rockt: Amour fou + Blogfamilia zum Erden

Berlin rockt meinen Mai. Ohne Scheiß jetzt, die deutsche Hauptstadt hat mich umgehauen. Berlin war vom ersten Augenblick, vom ersten Taxifahrer an, der mich mitten durch den großstädtischen Vorfeiertagsverkehr fuhr und mir die Monumente zum Abhaken durchgab, mein Freund. Eine verrückte Liebe.

Umgehauen hat mich eigentlich nur die Tatsache, dass ich es in 37 Jahren Lebenszeit nicht geschafft habe, diese Stadt wahrzunehmen. Und dabei wohnt mein halbes Leben da. Ich habe mich mit Leuten getroffen, die ich mit 14 täglich sah und mit 16 Liebesdramen zu Theaterpremieren stilisierte. Wieso bin ich nicht früher gekommen, dass Berlin rockt, schreit etwas in mir. Das ist meine Stadt, wieso bin ich nicht hier? Sofort Vertrauen, sofort das vertraute Gefühl für gefährliche Orte und wann es besser ist ausdruckslos schlendernd das Weite zu suchen. Alles ist noch da, nichts von meinem Gespür für die Großstadt ist nach so vielen Jahren verloren. In Berlin Friedrichshain weiß ich plötzlich wieder, was mir fehlt und warum ich mich tagelang allein hier treiben lassen könnte – sollte – wollte. Getragen von Musik und Bildern, von Menschen und Lachen und Kunst und Subkultur. Die Straßen sind es, die ich liebe. Die vielen Bäume und das schummrige Licht der gelben Straßenlaternen, die niemals völlig zur Ruhe kommende Stadt, die Geräusche der Nacht, die vielen aufgekratzten Menschen. Berlin rockt nur für mich.

Berlin rockt Platte und Party

Als erstes geht es zu einer Freundin, in den 19. Stock in Lichtenberg. Ich bin fasziniert über diese fremde Welt der Plattenbauten, die unten von gemeinschaftlichen Gemüsegärten und blühenden Bäumen gesäumt sind. Wir brauchten nur einmal ums Eck gehen und die Szenerie wechselt komplett. Nach weggeschmissenen Deutschlandfahnen in einer verlotterten Unterführung leuchten mal kunstvoll mal hässlich besprühte Mauern und mein Herz tut einen Freudensprung: Ein besetztes Haus, ein „Centro Sociale“, ein Freiraum und Hohelied der Subkultur wie ich es aus meinen Römer Zeiten kenne. Wie wichtig sind diese Flecken an Unstrukturiertheit, an Selbstverwaltung und Ideologie: dieses Berliner Exemplar tagsüber Musikschule und Opernhaus, nachts vibrierender Elektrosound hier im Wiesenweg an der Grenze zwischen Platte und Party.

Blogger-Community Blogfamilia

Tags darauf fahre ich in das saubere Berlin, in die Welt der Prenzlauer Berg Babes. Szenenwechsel. Wunderschön und Frühling auch hier. Die liebe Andrea hatte mir eine Adresse geschickt zum Frühstücken in einem Coffeeshop. Sie ist noch nicht da, aber ich quetsche mich zwischen einige Bloggerpersönlichkeiten, die alle entspannt und nett und lässig rüberkommen. Einfach voll gut hat das getan, hier wieder runter zu fahren, nach meinem ersten Tête à tête mit meiner neuen und doch gleich vertrauten Großstadt-Liebe Berlin, die mich bereits in einen ungesunden Sog ungezügelter Lust auf Leben zieht. Doch bei Gesprächen über das Bloggen, über Journalismus und Hefte machen, aber auch über Zwillinge und Kinder im Allgemeinen bekam ich schnell wieder Boden unter den Füßen, die Schmetterlinge im Bauch legten eine Ruhepause ein und so liefen wir nach allerlei leckeren Toasts mit Avocado und frisch gepressten Säften gemeinsam ins Haus Pfefferberg.

Und alles blieb gut. Noch mehr nette Menschen, alle strahlten wie der Frühlingstag und brachten jede Menge Freude für die Blogfamilia mit. Die tolle Atmosphäre umfing mich wie eine warme Umarmung und ich war über Stunden sehr wach und präsent. Ich sprach mit so vielen tollen Menschen. Ich sprach Bloggerinnen an, die ich auf der denkst verpasst hatte (und wieder habe ich welche verpasst! Aber das Gefühl der Unmöglichkeit mit 125 Menschen zu reden, kannte ich nun ja schon) und lernte viele kennen, die ich noch gar nie nicht gelesen habe. Was für eine wunderbare Bereicherung. Danke an Alu und alle Helfer und Organisatoren und Speaker: alles war perfekt – ihr seid fantastisch!

Ich danke Euch allen, dass ihr mit Eurer guten Laune diesen Tag so wunderbar gemacht habt. Die Vorträge waren interessant und holten mich auf einem guten Level ab. Besonders gechillt fand ich, dass es nur einen Raum gab, in den man sich nach Lust und Laune begab, wenn es wieder mal geklingelt hat. So habe ich nichts verpasst und als die Zeit wie im Fluge um war, gab es Aperol Spritz in großen Gläsern und das Team Österreich lachte mich mit so viel Herzlichkeit an wie es nur die Österreicher(innen) können. Mädels ein dickes Küsschen (Bussi ist Lokalkolorit) für Euren Support und die gute Stimmung von hüpfenden Fotos bis zu den strahlenden Supermamis Kleine Botin und Mini and Me mit ihren tiefenentspannten Kindern. Wer mehr über die österreichische Familienbloggerszene wissen will, liest hier.

Nach vielen weiteren anregenden Gesprächen und soviel albernem Gequatsche, dass ich für 10 Jahre gute Laune gespeichert habe, ging es dann ein paar Meter die Straße runter in eine Bar zum gelungenen Ausklang. Als ich mich trennen konnte, erwischte ich gerade noch die letzte U-Bahn zum Alex, den ich noch ein bisschen anschaute, an einem Falafel-Döner mit allem kauend und schließlich schon wieder in ein Taxi plumpste. Diesmal erwischte ich eine Fahrerin, die sofort merkte, dass ich irre gut gelaunt bin, und die Frauen-Power ging weiter.

Alles nur nicht deutsch

Am nächsten Tag wachte ich vor 8 Uhr auf und konnte nicht mehr schlafen – vor Aufregung, vor Freude, vor Neugier auf Berlin. Und ich schmiss mich in einen neuen Tag, bereit für Rendezvous Nr. 2 mit meinem neuen Freund Berlin. Diese Stadt ist eindeutig männlich und wahnsinnig aufregend. Also lieh ich mir das Fahrrad meiner Freundin und eine Karte und fuhr los nach Kreuzberg, Paul-Lincke-Ufer. Durch die Straßen Friedrichshains, die ich mir jetzt noch mal bei Tag betrachten und merken konnte – nur der kleine Laden von Andrea Maia, in deren Taschen ich mich verguckt hatte, war leider zu. Dann ging es über die Warschauer Brücke und durch den Görlitzer Park hinüber an die Spree. Bevor ich etwas arbeiten wollte, ging ich noch ein wenig auf und ab und fand einen prima Friseurladen mit viel kleinen Putten: „Die Besten vom anderen Ufer“ waren zwar nicht da, aber dafür eine Frau. Doch erst mal wieder rüber ins Schuchmanns im Umspannwerk, wo ich mich mit Mustafa vom Tiffin Projekt und den Betreibern des Restaurants traf, die jetzt die nachhaltigen Tiffin Boxen für ihren Mittagstisch anbieten. Ein sehr schönes Interview später konnte ich leider nicht mehr auf mein Tiffin Box Menü warten, denn ich ging zu Marion Haare schneiden. Die nette Frau stammt aus meiner Heimat und wir schwärmten von den Bergen und ich begann ein bisschen mehr von Berlin zu verstehen, wieso Taxifahrer Lichtenberg nicht mögen und wieso die Berliner in ihrem Kiez bleiben. Ich hörte von den Münchnern, die Kreuzberger Wohnpreise ins Bodenlose trieben und von den Schwaben in Prenzlauer Berg. Wir sprachen außerdem über Schluchtenscheißer und warum wir uns in München als junge Frauen oft unglücklich fühlten. Es spricht nämlich so selten ein Münchner mit Fremden und alle gucken dich nur an, wenn Du keinen kennst. Jetzt weiß ich auch wieder, warum ich mein schönes München irgendwann satt hatte. Ich bin bloß nie auf die Idee gekommen, mein Glück in Berlin zu suchen – immerzu fuhr ich nach Süden und schimpfte auf Deutschland. Dass es eine so coole Stadt in Deutschland gibt, die alles andere als typisch deutsch ist, hätte ja mal einer sagen können. Ich dachte immer es liegt an Deutschland. Aber Berlin ist nicht deutsch oder vielmehr ein neues deutsch, das sich gut anfühlt, ja – Berlin rockt. Und einen so coolen Haarschnitt habe ich jetzt, so einen kriegt man nur in Berlin. Zuhause muss ich immer fünf mal erklären, was ich will und dann fragen sie immer noch, bist du sicher, dass der Pony so kurz sein soll!?! Ja bin ich. Seid ihr meinetwegen brav, Berlin rockt – auch in Tirol.

Rendezvous mit Platten

Frohgemut wollte ich wieder zurück radeln, nachdem ich am Spree-Kanal noch meine Tiffin Box leer gegessen habe (Test bestanden – auch nach dem Friseurtermin war das Essen noch warm und lecker), wolte ich also schön am Ufer entlang zurückfahren. Irgendwann krachte es und es ratterte und ein Mann sagte, „Nu ma langsam, sonst geht dat in der nächsten Kurve schief!“ Ein Platten, also schob ich da tapfer am Kanal entlang und versuchte die gute Laune nicht davonfliegen zu lassen.

Das gelang mir so einigermaßen, und ich lernte schon wieder eine neue Seite Berlins kennen – die der 1000 Radläden. In der Skarlitzer Straße bekam ich den Tipp für einen Hollandfahrrad-Experten und der sagte: „Gräm dich nicht, das passiert hier öfter!“ Ohne nerviges Fahrradgeschiebe war dann wieder alles gut und ich ließ mich treiben. Zurück auf der Warschauer Brücke hörte ich erst den beiden Hiphoppern und dann einem Rapper zu. Nachdem ich mich dann noch kurz zwischen den Schluchten der Plattenbauten, runtergekommenen Autowerkstätten und seltsamen Ecken fasst verirrt hätte, sprang ich schnell nochmal unter die Dusche und machte mich auf nach Neukölln zu meiner Schulfreundin Miri, die ich über 16 Jahre nicht gesehen habe. Berlin rockt für mich auch so, weil hier jede Menge cooler Leute wohnen. Voll zu spät und voll entspannt nahm ich Platz bei Miri und Vale im Maison Blanche in der Körtestraße und liess mir ein vegetarisches Märchen schmecken. Danach zeigten die beiden mir noch ein wenig von ihrem Kiez und wir erzählten uns viele Geschichten. Solche, die sich Frauen erzählen, wenn sie nach so vielen Jahren wieder aufeinander treffen. Für mehr war nicht die Zeit und da ich ohnehin keine Zeit hatte zu schlafen in Berlin, freute ich mich schließlich doch irgendwann auf die Heimfahrt im Zug.

 

Zu früh um zu sagen, mein Berlin

zu spät, um zu sagen, da zieh ich hin.

Doch mittendrin, lasse ich dich geschehen,

treib ich fort von mir, von Sinnen sinnlich

und flieg schon bald zurück nach Dir.

 

BERLIN ROCKT

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