Funktioniert das nur in Wien? Ökonomie mit partizipativer Preisgestaltung.

Ökonomie mit partizipativer Preisgestaltung

Ökonomie mit partizipativer Preisgestaltung

Good Food Good Mood“ heißt das Motto im Wiener Deewan. Das pakistanische SB-Restaurant besteht seit über zehn Jahren erfolgreich mit dem Ansatz „Es kostet, was ihr wollt“ – ein Hoch auf die Eigenverantwortlichkeit der Wiener.

Der Wiener Deewan ist eine Institution. Seit zehn Jahren experimentieren Natalie und Afzaal Deewan mit einem Geschäftsmodell, dass sich auf den ersten Blick alles andere als wirtschaftlich anhört. Das Essen in dem pakistanischen Restaurant im Wiener Univiertel hat keinen festen Preis. Jeder Gast zahlt so viel er kann, oder soviel er meint, dass sein Essen vom Buffet Wert ist. Jeder darf soviel essen wie er möchte und dazu Wasser trinken. Andere Getränke wie besondere Fruchtsäfte, Yogitees, Lassis, Kaffee und Spirituosen sind extra zu bezahlen. „Natürlich schmälern wir den Getränkeverkauf durch den Ausschank von Leitungswasser, aber wir wollten daran festhalten um des sozialen Gedankens willen.“

Ökonomie mit partizipativer Preisgestaltung

Die ersten fünf Jahre hat sich das Ehepaar Deewan selbst keinen Lohn ausgezahlt. Sie haben einfach weiter gemacht und heute schreiben sie grüne Zahlen. Von anfang an war den beiden klar, dass dieses Experiment auch schief gehen kann. Es gibt auch einige Nachahmer in Wien. Ein ehemaliger Angestellter des Deewans hat z.B. einen ähnlichen – allerdings erfolglosen – Versuch gewagt. Auch die spannende Frage wie viel denn der Gast im Durchschnitt nun tatsächlich bezahlt, beantwortet Natalie Deewan. Sie geht kurzerhand zur Kassa und lässt sich das Tagesergebnis bis 14.00 ausdrucken. Durchschnittsbon 5,50 Euro. Das sei etwas mehr als gewöhnlich, was wohl an der vorlesungsfreien Zeit läge. Normalerweise belaufe sich der Durchschnitt um die 5 Euro.

Die Maxime „All you can eat, pay as you wish“ appelliert an die Eigenverantwortung der Gäste: „Wer auch noch in einem Monat / in einem Jahr hier essen kommen möchte, sollte dazu beitragen, dass ihm/ihr/uns das auch möglich ist = die Kellnerin bezahlt = die Kartoffeln geschält = die Stromrechnungen beglichen = der neue Kühlschrank eingekauft = das Fleisch herbeigeschafft = der Boden aufgewischt worden ist. Mittel- bis langfristiges Denken ist da gefragt“, steht auf der Homepage. Hier sind im übrigen auch die Finanzbilanzen der Deewan KG von 2005 bis 2012 öffentlich einsehbar. Hier finden sich auch Links zu weiterführender Literatur und anderen Beispielen von vertrauensbasierter Ökonomie mit partizipativer Preisgestaltung.

Pakistans Vielfalt

Am mehrmals täglich wechselnden Buffet stehen fünf Curries zur Auswahl: drei davon sind immer vegetarisch (auf der Basis Gemüse-Curry / Kartoffel-Gemüse-Curry / Linsencurry), und auch vegan. Dazu gibt es zwei Fleischcurries (Lamm / Huhn / Rind), Basmati Reis sowie gemischten Salat, die vier Saucen Joghurt mit Minze, scharfe grüne Chilisauce, Sweet Chili Sauce und Mango Chutney. Authentische Gewürze wie schwarzer und grüner Kardamom oder Bockshornkleeblättersamen werden frisch gemahlen und gemischt. Die Hauptgerichte ergänzen Nan-Brot und Süßspeisen, z.B. Suji Halwa, ein populärer pakistanischer Milchgrießbrei mit Mandeln und Kardamom. Die Küche ist durchgehend geöffnet von 11.30 bis 22.30 Uhr. „Es hat sich rumgesprochen, dass es bei uns abwechslungsreiches Essen gibt“, sagt die Inhaberin. Es kommen viele Studenten von den umliegenden Unis, aber auch mehr und mehr Angestellte aus den vielen Büros im Zentrum. Die Nachfrage nach vegetarischen und veganen Gerichten nehme ohnehin zu. Der Speiseplan wechselt im Rhythmus des Deewan-Plan, der aussieht wie ein U-Bahn-Fahrplan.

Kreative Kulinarik

Was den Deewan wohl vor allem so individuell macht, sind die großen Plexiglas-Scheiben an den Wänden, auf denen sich jeder Besucher verwirklichen darf. „Zuerst haben wir Eddings zum Bemalen und Signieren verwendet, doch mit der Zeit wurde es immer dunkler und dunkler“, erinnert sich die Kreative. Dann sind wir auf Molotov-Marker umgestiegen. Das sind transparente, wasserfeste Marker. Auf den Wänden des Deewan gibt es so viel zu entdecken. Es macht richtig Spaß sich jedesmal an einen anderen der 23 Tische in den verwinkelten Räumlichkeiten auf drei Ebenen zu setzen. Den Charme des Lokals machen daneben auch die Kreationen von Natalie Deewan aus: Die angebotenen Säfte oder Yogi Tees können wie schöne bunte Fächer aufgeblättert und ausgesucht werden.

Maßgeblich entscheidend für den Erfolg ist auch das eigenwillige Marketing der ehemaligen Sprach- und Philosophiestudentin, die statt einem Uni-Abschluss beschloss, ihre gesamten Ersparnisse in das heruntergewirtschaftete Steakhaus „Zum wilden Stier“ zu stecken. Das dunkle Lokal – in den 1970er und 1980er Jahren ein beliebtes Studentenlokal namens Teddys Rumpelkammer – war das einzige, für das sie sich die Ablöse überhaupt leisten konnten, weil alle Geräte sehr, sehr alt waren. Heute erinnert nichts mehr an diese Atmosphäre. Alles ist hell und licht, eine Zwischendecke wurde entfernt, das Kellergeschoß entrümpelt, geweißelt und umgestaltet. Ich habe mir zwei Monate Zeit gegeben, mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass ich gerade ein Steakhaus gepachtet habe“, schmunzelt die Wienerin. Damals bestand die Firma noch nicht, und das junge Paar verfolgte zielstrebig ihre Idee mit den Kochkünsten die der einstige Cricketspieler Afzaal Deewan, der auf dem Weg nach London eher zufällig in Wien gestrandet war, bei seiner pakistanischen Mutter erlernt hat. Heute haben die Quereinsteiger 17 Angestellte, darunter 4 Köche, die ursprünglich aus Indien und Pakistan kommen. Da die Umgangssprache in der Küche Punjabi ist, funktioniert der Ablauf so am besten. Der Weg ins Unternehmertum machte die Ausländerbehörde den beiden aber nicht einfach. Einmal drohte sogar die Ausweisung und die Polizei stand vor der Haustür, während der Pakistani sich in seinem Betrieb ins Zeug legte um Arbeitsplätze zu schaffen.

Der Name „Wiener Deewan“ ist übrigens aus einem Wortspiel aus dem Familiennamen ihres Mannes und dem Diwan entstanden – ein gemütliches Sofa wartet deshalb im Lokal auf Gäste. Für mich ist der Deewan ein weiterer Grund, warum ich diese Stadt einfach kolossal finde – und mich diesen Sommer auf jeden Fall als Dauergast wieder bei meiner lieben feschen Wiener Mami einquartieren werde, so ein Glück aber auch, dass Du meine Freundin bist, gell? Und dem Deewan statte ich sowieso einen Besuch ab, keine Frage. Wien ist so vielfältig und lebenswert, so soll es bleiben und sich viele Städte eine Scheibe abschneiden… Wien rocks!

Ökonomie mit partizipativer Preisgestaltung

Good Food Good Mood im Wiener Deewan

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