Das Mittagessen aus dem Schulgarten

Mittagessen aus dem Schulgarten
(c) Slow Food Italia

Schulgärten erleben eine Renaissance im Zusammenhang mit Umwelt- und Ernährungserziehung, aber auch als sinnvolle Nachmittagsbeschäftigung in Ganztagsschulen. Doch ist es möglich, Produkte für die Schulverpflegung einzusetzen, ja das Mittagessen aus dem Schulgarten zu beziehen – zumindest in Teilen?

Schulgärten haben Tradition in Deutschland. In vielen Schulen gibt es AGs, die ein Stück Scholle bearbeiten. Gerade im städtischen Raum ist dies ein wertvolles Erlebnis für die Kinder. Hier heißt es lernen und erfahren mit Kopf, Herz und Hand. Mit allen Sinnen be-greifen die Kinder den Kreislauf der Natur und die Nahrungskette. Außerdem lernen sie, wie es Prof. Dr. Hans-Joachim Lehnert, Leiter des ökologischen Lehrgartens der PH Karlsruhe, formuliert, dass sie „Gesundheit in Bezug auf die Ernährung nicht immer kaufen müssen“.

Angesichts des steigenden Anspruches an eine gesunden Schulverpflegung sehe ich es als DIE Lösung, das schulische Mittagessen aus dem Schulgarten zu beziehen. Gerade im Zuge des Trends hin zu Ganztagsschulen betrachtet der Wissenschaftler den Schulgarten als wichtige Ressource, um Gesundheit „in die Köpfe und auch in die Mägen zu bringen. Doch nur wenigen Schulen gelingt dies nachhaltig. Die Gründe sind zahlreich: Die Anbauflächen sind winzig, niemand gießt die Pflanzen in den Ferien, zu wenig Ehrenamtliche helfen mit. Hinter all diesen Problemen steht groß geschrieben: Es fehlt an finanzieller Unterstützung um (selbsttragende) Systeme zu entwickeln, die den Speiseplan der Schüler bereichern helfen. Dafür muss weder ein gewaltiges Projekt initiiert noch der Speiseplan komplett auf den Garten ausgerichtet werden. Viel wichtiger sind Kontinuität, eine langfristige Planung, die Suche nach Unterstützern und Know-How – etwa in Bezug auf Pflanzen, die sich aufgrund von Ertrag und Pflege eignen. Prof. Dr. Lissy Jäkel von der PH Heidelberg betrachtet die Koordination zwischen Garten und Küche dabei als die eigentliche Herausforderung. Besonders schwierig ist es, wenn externe Caterer in der Küche Regie führen. Doch auch in diesen Fällen gibt es Möglichkeiten. Um eine separat organisierte Schulverpflegung mit wertvollen selbst produzierten Zutaten anzureichern, schlägt Dr. Martin Melzer von der PH Schwäbisch Gmünd den Küchenbetreibern vor, Produkte, die der Garten in ausreichender Menge liefert, bei der Garten AG anzukaufen. Mit den Einnahmen können neue Investitionen im Anbau getätigt werden. Funktionierende Systeme gibt es vor allem an Schulen, die auf die Hilfe engagierter Eltern und Lehrer zählen dürfen. Mit Personenkraft und Kreativität gelingt es in AGs Schulküchen und Gartenarbeit zu koordinieren.

Mehr-Wert im Essen

„Den Schulgarten halte ich für eine wertvolle saisonale Ergänzung des Mittagsangebots, z.B. durch saisonale Gemüsebeigaben wie Tomaten als Fingerfood oder Gartenpflanzen zum Würzen wie Rosmarin, Liebstöckel, Schnittlauch, Petersilie oder Dill“, sagt Prof. Dr. Lissy Jäkel. „Wichtig fände ich vor allem, dass die Kinder ihre Produkte [im Mittagessen] wiedererkennen und einen subjektiven Bezug zu ihren eigenen Pflegeleistungen aufbauen können. So erfahren sie Wertschätzung und nachhaltig lernen“, betont sie.

Entgegen der Unkenrufe Kinder seien ohnehin nur an Pommes, Cola und Co. interessiert, zeigen viele Projekte, dass die Schüler gesundes Essen begeistert annehmen – selbst geerntetes Obst oder Gemüse aus eigenem Anbau schmecken besonders gut. Eine Großzahl der Schüler sind leidenschaftliche Gärtner und arbeiten mit Freuden aktiv mit: Ein Schüler der Stephen-Hawking-Schule in Neckargemünd formuliert es so: „Hier weiß ich wenigstens, was ich geschafft habe!“ Das praktische Arbeiten bietet den Kindern ganz nebenbei sichtbare Erfolge, was sich positiv auf ihr Selbstbewusstsein auswirkt. „Die Schüler erleben hautnah, was ein Wunder bedeutet: Wie aus einem Samenkorn plötzlich eine ganze Klasse satt werden kann, z.B. beim Kürbis. Oder wie die Pflanzen in einem Sommer mehr wachsen als die Schüler in vielen Jahren“, sagt Konrad Blattner, Sonderschullehrer und engagierter Leiter des körperbehindertengerechten Schulgartens der staatlich anerkannte Privatschule für Tages- und Internatsschüler von der Grundschule bis zum Gymnasium. Hier sind die Schulküche und ein Schülerladen unabhängig von der regulären Mittagsverpflegung. Die Mensa ist ein eigenständiger Betrieb, der um die 800 Schüler verpflegt.

Die Gartenprodukte verarbeiten die Kinder in der Schulküche nach selbst ausgesuchten Rezepten. Das geschieht in der Regel einmal in der Woche innerhalb der jeweiligen Klassen. „Die Schüler erleben so das gesamte Gartenjahr – von der Aussaat bis zu Ernte, Verarbeitung und dem Genuss auf dem Teller“, sagt der Lehrer. Die 400 qm Gartenfläche des 1989 gegründeten Schulgartens nutzen besonders die Schüler des sog. Vorqualifizierungsjahres Arbeit und Beruf (VAB) und die sehr engagierten Grundschüler.

Die italienische Slow Food-Bewegung hat 2006 ein Netz von über 30o Schulgärten in ganz Italien aufgebaut. Auch hier klappt das erklärte Ziel, die Gartenprodukte auf den Mittagstisch zu bekommen bei weitem nicht immer. Doch es gibt positive Beispiel wie den Kindergarten „La Gabbianella” in Moncalieri bei Turin – im „Homeland“ von Slow Food. In dieser Einrichtung erhalten die Kinder ihre Ernte aus dem eigenen Schulgarten zum Mittagessen. Hier gelang es Erziehern und Eltern gemeinsam, die Gemeinde und staatliche Krankenversicherung als Kooperationspartner zu gewinnen. Außerdem besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem Catering-Unternehmen: Die Schule ist zu einem Lieferanten des Caterers geworden. Auf diese Weise bekommen die Kinder das Gemüse auf ihren Teller, das sie selbst im Garten gezogen haben.

Partner finden

Anknüpfungspunkte für Schulen bieten auch gemeinnützige Vereine, z.B. Gartenbau- oder Naturschutzgruppen. Diese oder andere Kooperationspartner erleichtern den Start in ein zukunftsfähiges Projekt. Auf jeden Fall sollten sich Eltern(-gruppen) und Schulen, die Interesse daran haben, ihren Schulgarten dauerhaft in die Mittagsverpflegung einzubeziehen, überlegen, mit wem sie finanziell aber auch praktisch zusammenarbeiten könnten. Kreativität ist gefragt.

Öffentliche Stellen sollten nach Unterstützung oder speziellen Programmen in Bezug auf Umwelt- und Ernährungserziehung abgefragt werden (etwa die in jedem Bundesland vorhandenen Vernetzungsstellen für Schulverpflegung. Auch die regionalen Convivien von Slow Food, aber auch der nationale Verband Slow Food Deutschland kommen als Unterstützer in Frage. Am besten die Anfrage per Mail gleich an beide schicken, da die Regionalgruppe aufgrund der Vielfältigkeit ihrer Arbeit nicht unbedingt mit diesem Thema befasst sein muss. Dann kann die nationale Organisation jedoch einspringen.

Anbau und Verkauf

Eine Möglichkeit dauerhaft Geld in die Kassen zu bekommen, ist der Weiterverkauf und Vertrieb der Gartenprodukte, z.B. mit einem Schülerladen wie ihn die Stephen-Hawking-Schule betreibt. Hier sind die Früchte der Saison, aber auch Blumensträuße im Angebot, das vor allem Mitarbeiter der Einrichtung nutzen. Zudem gibt es Honig aus eigener Bienenzucht und im Winter einmal wöchentlich selbst gebackenes Brot aus dem eigenen Holzbackofen. Die 15-30 kg Teig beziehen die Schüler vom örtlichen Bäcker. Daneben stellen sie in den Fächern Agrarwirtschaft (VAB) und Hauswirtschaft Kräuteröle und -essige sowie Marmeladen und Chutneys her. Der Schülerladen hat jeden Tag in der großen Pause und von 12 bis 14 Uhr geöffnet.

Zum Verkauf eignen sich auch Duftsäckchen aus Kräutern sowie Badesalz und Ölauszüge. Desweiteren sind Eingemachtes und Kompott beliebt. Aus Kohl können die Schüler Sauerkraut herstellen.

Ertragreich sind neben Küchenkräutern, Radieschen und Salaten besonders Kürbis, Kohlsorten, Beerensträucher und Obstbäume. Gerade die Apfelernte versorgt die Schüler ganzjährig mit Saft. Wer seine Früchte nicht mit fremden vermischt zum Mosten geben möchte, wählt ein Bag-in-Box-System für seinen Saft und kann so die komplette Ernte einlagern.

Doch wer seinen Garten erstmal beginnen muss, findet passende Pflanzen, auf deren Ernte er nicht jahrelang wartet: „Für den Anfang eignen sich Kartoffelbeete. Da erleben die Schüler eine komplette Vegetationsperiode von der Saat bis zur Ernte mit“, empfiehlt Dr. Martin Melzer. Hilfreich sei auch ein Gewächshaus, in dem Tomaten und Gurken wunderbar gedeihen. Für die BUGA 2014 in Schwäbisch Gmünd bereitete die ortsansässige PH etwa ein Suppenbeet vor, in dem alles für eine gute Suppe wächst: von Kräutern über Sellerie und Karotten bis hin zur Zwiebel.

Fazit: Mittagessen aus dem Schulgarten – eine Annäherung

Ein Schulgarten trägt immer zu einer gesünderen und bewussteren Ernährung der Schüler bei. Auch wenn die Verknüpfung von eigenem Anbau und Gemeinschaftsverpflegung nicht möglich sein sollte, bieten sich trotzdem Schulfeste, z. B. vor den Sommerferien oder zur Erntezeit im September, an, um die Kinder mit Gartenprodukten zu verköstigen. Auch Projekttage, z.B. zum Thema „Gesundes Frühstück“ erlauben es, die eigenen Erzeugnisse punktuell in den Klassen einzusetzen. Neben dem guten Essen bekommen die Schüler durch den Garten ein Gespür für Jahreszeiten und regionale Lebensmittel, wie man diese zubereitet, sich gesund ernährt und bewusst konsumiert. Zudem bietet er im Rahmen der Ganztagsschule eine sinnvolle Betätigung für die Schüler am Nachmittag.

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2 Comments

  • Mara Schulze sagt:

    Ohja frischer Salat und frisches Gemüse gehören auf jeden Fall dazu! Wir haben hier auch ein kleines Beet und freuen uns schon auf die Ernte. Trinken zusätzlich gerne noch Ingwertee, wobei man hier leider keinen Ingwer anbauen kann – schade drum.

    Übrigens, ein toller Artikel!

    • Verena sagt:

      Freut mich! Wir wollen dieses Jahr den verwilderten Bauerngarten im Garten wieder aktivieren. Bin gespannt, ob wir was ernten oder die Schnecken schneller sind!

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