Vom Garten lernen: Unterricht im Freien

Unterricht im Freien
(c) Verband der Waldorfschulen

 

Beim Unterricht im Freien geht es nicht nur um Pflanzen: Der Schulgarten ist Lernort, hilft pubertäre Stimmungstiefs zu mildern und fördert neben Persönlichkeitsentwicklung und Willensbildung ein gesundes Ernährungs- und Umweltbewusstsein. Pädagogischer Gartenbau gehört zum Lehrplan an Waldorfschulen. Ob Befürworter oder Gegner der antroposophischen Weltanschauung – in Sachen Schulgärten und Unterricht im Freien können sich staatliche Schulen hier was abschauen.

Im letzten Jahrzehnt hat sich das Naturverständnis junger Menschen auf erschreckende Weise verändert: Für viele geht die Sonne inzwischen im Norden auf, das Reh ist die Frau vom Hirsch und das Kitz ein Kid. Viele Kinder und Jugendliche haben gar keine Möglichkeiten mehr, eigene Erfahrungen mit und in der Natur zu sammeln. Was für viele von uns Eltern noch selbstverständlich war, z.B. mit den Eltern im Garten zu arbeiten oder lange Nachmittage durch den Wald zu streifen, ist heute nicht mehr die Regel. Gerade in Städten fehlt freie, unkontrolliert wachsende Natur und brachliegendes Gelände mehr und mehr.

Auch hier sind es die Schulen, die Abhilfe schaffen müssen. Was den Kindern entgeht, weil sie es in ihrem Elternhaus nicht erfahren, lernen sie im Schulgarten oder beim Besuch landwirtschaftlicher Betriebe kennen. Waldorfschüler haben gute Karten, sich einen Bezug zur Natur zu bewahren. Zudem haben sie die Chance, mit dem Wissen um ursprüngliche Lebensmittel und traditionelle Produktionsweisen ein Bewusstsein für ihre sich verändernde Umwelt zu entwickeln: Massentierhaltung, Gensaaten & Co. – die Unterschiede zum kulturellen Hintergrund früherer Generationen sind bereits gravierend.

Neben einem ökologisch verträglichen Verhalten vermittelt ein Schulgarten den Kindern Naturverbundenheit. Wer ein Gartenjahr vom Stecken der Setzlinge im Frühling bis zur Ernte des Gemüses im Herbst miterlebt; wer seine Beete selbst in Ordnung hält, die Pflanzen darin pflegt und wachsen sieht, erinnert sich auch Jahre später an seine Erfahrungen als Gärtner.

 

Unterricht im Freien

Der Lehrplan der Waldorfschulen beinhaltet das Fach Gartenbau für die 6. bis 10. Klassen. In manchen Schulen beginnt der Unterricht im Freien sogar schon in der Grundschule. Beginnend mit der Arbeit im Gemüsegarten, wird der Unterricht von Jahr zu Jahr anspruchsvoller: Nach dem Umgang mit Boden und mehrjährigen Pflanzen, sind Gehölze dran. Die „Großen“ üben sich z.B. im Veredeln von Wildpflanzen und erhalten herrliche Apfelbäumchen. Ein Landwirtschaftspraktikum für 15-16-Jährige und eines in Ökologie in der Oberstufe vervollständigen das Thema. Jede Woche in der vegetativen Periode verbringen die Schüler Zeit mit den Pflanzen. Dabei ist das Gartenjahr und nicht das Schuljahr maßgebend. Im Winter führt der Gartenbaulehrer in die Theorie ein.

Die Altersgruppe der 12- bis 16-Jährigen ist nicht zufällig gewählt: Wenn die jungen Menschen plötzlich anfällig werden für Selbstzweifel und Stimmungstiefs, tut ihnen die Gartenarbeit und der Unterricht im Freien besonders gut. Die körperliche Arbeit in der Gruppe, aber auch das Erleben unmittelbarer Resultate helfen ihnen, mit der Pubertät zurechtzukommen. „Der soziale Aspekt, nämlich die viele Arbeit nur mit anderen gemeinsam bewältigen zu können, ist ein Grundtenor des Gartenbauunterrichts“, sagt Bernd Bleffert von der Freien Waldorfschule (FWS) Trier.
Der Unterricht schult die Sinne, denn der Garten belohnt mit seinen Düften, Formen, Farben und dem Geschmack der Früchte. Die Anthroposophie – der von Rudolf Steiner, dem Gründervater der Waldorfschulen entwickelte Erkenntnisweg – betrachtet diese sinnlichen Empfindungen, die dem Menschen im Garten bzw. in der Natur begegnen, als erdend. Vor allem aber erlebt ein junger Mensch die Arbeit dort als Willensschulung. Denn die erforderlichen Tätigkeiten können nicht immer nur aus purer Freude heraus erledigt werden, sie fordern Selbstüberwindungskräfte. Ist der innere Schweinehund erst besiegt, stellen sich ein gutes Gefühl und Zufriedenheit ein: Das Selbstbewusstsein des Pubertierenden wächst.

 

Sinnstiftend

Ein Prinzip der Waldorfschulen ist es, nichts Sinnentleertes durchzuführen. Pflanzen zum bloßen Anschauungszweck, etwa für den Biologieunterricht zu züchten, wäre undenkbar. Es gibt auch keine Beete, die über die Sommerferien verdorren, weil sich keiner um einen Gartenpfleger gekümmert hat. Frische Blumensträuße finden ihren Platz in den Klassenzimmern, dem Lehrerzimmer oder in der Mensa. Kräuter verarbeiten die Schüler im Unterricht zu Kräutersalzen oder Pesto. Spitzkraut verwandelt sich in Fässern in Sauerkraut. Mit der Ernte ist es nicht getan: Die Kinder bzw. Jugendlichen lernen – wie auch im Garten in kleinen Gruppen – in einer eigens dafür eingerichteten Schulküche, wie die Gartenprodukte haltbar gemacht oder veredelt werden. Diese Prozesse sind wesentliche Bestandteile der eigenen Kultur.
Was von der Ernte übrigbleibt, also nicht für den weiterverarbeitenden Unterricht, als Geschenkefür die Familien der Kinder
oder als Rohkost benötigt wird, erhalten die Mensen zum Einsatz in der Schülerspeisung. In manchen Schulen deckt der sommerliche Gemüseertrag den Bedarf fast lückenlos. Die Küchenbetreiber kaufen dem Schulgarten seine Ernte ab. Auf diesem Wege lassen sich laufende Kosten und neue Gartenbauprojekte finanzieren. Obendrein finden die Kinder die eigenen Produkte in Demeter-Qualität zu Mittag auf dem Teller wieder. Zu den Rennern zählen Tomaten, Gurken, Salate, Kräuter, Paprika, Zucchini, Kürbisse, Kohl- und Krautsorten. Manche Schulen verfügen über Gewächshäuser, einige sogar über Äcker, auf denen Kartoffeln oder Getreide wachsen.

Den meisten Waldorfschulen liegen ihre Gärten und ihr Unterricht im Freien sehr am Herzen: Die grünen Oasen, Lern- und Lebensorte, erhalten Schul- und Spendengelder. Zudem verkaufen die Schüler ihre Erzeugnisse an Lehrer, auf Schulfesten und Märkten aller Art. In vielen Schulen füllen diese Erlöse so manches Loch in knappen Gartenbaukassen. Da das Fach im staatlichen Schulsystem nicht existiert, werden diesbezügliche Ausgaben – für Anschaffungen oder Lehrkräfte – auch nicht bezuschusst.

Biologisch

Dennoch ist die Schulspeisung kein Hauptanliegen des pädagogischen Gartenbaus. Ob Gemüsegarten, Weizenfeld oder Kartoffelacker: In erster Linie sollen diese den Schülern den Vegetationsprozess in seiner Ganzheitlichkeit und darüberhinaus traditionelle Verarbeitungsweisen veranschaulichen. Gerade beim Getreide ist dies natürlich ein aufregender Weg vom Korn bis zum selbst gebackenen Brot. „Ich lerne im Garten“, bringt Rolf Behrens, Küchenmanager und Lehrer der FWS Schwäbisch Gmünd den Unterricht im Freien auf den Punkt.
Martin Leistner, Gartenbaulehrer an der FWS Prien im Chiemgau betrachtet es als ein pädagogisches Anliegen, seinen Oberstufenschülern den Unterschied zwischen konventionellem und Biogemüse zu verdeutlichen. Jahr für Jahr bestellt er mit Schülern 1.000 qm Garten, davon 600 qm Gemüsebeete. „Die Jugendlichen erkennen“, betont er, „welche Qualitätsunterschiede auch zwischen den einzelnen Bio-Siegeln bestehen. Die „Bio-Bios“ der Supermärkte haben wenig mit dem Demeter-Anbau zu tun“. Die von Rudolf Steiner angeregte biologisch-dynamische Anbauweise und Weltanschauung lernen die jungen Menschen bei der Arbeit mit Martin Leistner im Schulgarten kennen. Seit 1982 arbeitet der Gärtnermeister bereits als Gartenbaulehrer. Mit seinen Schülern unternimmt er gern Exkursionen und begleitet sie z.B. auf dem Nord-Süd-Spaziergang, eine zwölftägige Alpenwanderung auf der sie Wildkräuter und sich selbst kennenlernen.

 

Nicht anwendbar?

Wer glaubt, dass Unterricht im Freien an staatlichen Schulen nicht funktionieren kann, wird sich wundern: In den ehemaligen ostdeutschen Grundschulen wurde das Fach Gartenbau gelehrt und betrieben. Jede Schule hatte einen Garten, der sich zwar häufig in räumlicher Entfernung befand, in dem aber jede Klasse selbst verschiedene Beete anlegen konnte. Die Ernte bekamen die Köche der Schulverpflegung. Mancherorts wurde sie dem lokalen Einzelhandel zu regulären Preisen angeboten oder gleich vor Ort verkauft. Die eingenommenen Gelder gingen oft in die Klassenkasse. Auch die Schüler konnten sich einen Teil mit nach Hause nehmen.

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2 Comments

  • Stine sagt:

    Ja den Garten Unterricht im Osten kenne ich noch sehr gut. Bei Wind und Wetter Unkraut jäten, im Herbst umgraben und ja nicht von den Erdbeeren naschen. Beliebt war der Unterricht nicht, aber es muss doch einiges hängen geblieben sein, denn ich bewirtschafte jetzt meinen eigenen Garten.
    In der siebten Klasse habe ich mal eine Gurke aus dem Schulgarten geklaut und heimlich in der Pause mit meiner Freundin gegessen.
    LG
    Stine

    • Verena sagt:

      Liebe Stine! Das ist ja schade, dass ihr da nicht mal was probieren durftet. Ich habedas Gärtnern von meinen Eltern vorgelebt bekommen, und habe jetzt auch einen Garten. Allerdings fast nur „pflegeleichte“ Gemüsesorten, Kräuter und Beeren. Salat und Tomaten stehen in Töpfen auf der Terrasse. Meine Kinder merken auch schon, dass das Gärtnern viel Ausdauer und Geduld erfordert und dass nicht einfach so etwas wächst, wenn man nur mal bei Sonnenschein und guter Laune ins Gärtchen guckt… Aber ein bisschen Spaß muss schon noch dabei sein für die Kinder… Liebe Grüße, Verena P.S. Was hat Deine Schule dann mit der Ernte gemacht: Wurden die bei euch für das Schulessen eingesetzt?

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