Mama geht ins Kino: Victoria & Abdul

Mama geht ins Kino: Victoria & Abdul - Prädikat besonders wertvoll
(c) Universal Pictures International

Victoria & Abdul ist ein historischer Film über Menschlichkeit und Freundschaft, Offenheit und Toleranz. Gleichzeitig zeigt er wie unmöglich menschliche Werte werden, wenn Rassismus und Vorurteile in einer interkulturellen Gesellschaft überwiegen.

 

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Vor 20 Jahren hat die legendäre Oscar-Preisträgerin Judi Dench (#JudiDench) in Ihre Majestät Mrs. Brown (1997) zum ersten Mal Queen Victoria dargestellt. Dafür hat sie den Golden Globe und den BAFTA Award gewonnen. Nun ist die selbst in den Adelsstand erhobene Dame Judi erneut in dieser Rolle zu sehen – als Victoria, die 1887, ein Vierteljahrhundert nach den Ereignissen des ersten Films, mit 68 Jahren das 50. Jubiläum ihrer Thronbesteigung feiert. Zu diesem Zeitpunkt ist ihr geliebter und immer noch schwer vermisster Ehemann Albert bereits seit 20 Jahren tot. Victoria ist sehr einsam inmitten ihres Hofstaates und lebt ein freudloses Leben, streng geregelt von ihren zahlreichen Pflichten als Regentin eines Weltreiches.

In dem historischen Film Victoria & Abdul (#VictoriaundAbdul) lernt die Königin bei den aufwändigen Feierlichkeiten ihres Thronjubiläums den jungen Inder Abdul Karim (Ali Fazal #AliFazal) kennen – er ist aus Indien angereist, um das Jubiläum in London mitzuerleben. Dabei hat er eine besondere Rolle inne: zusammen mit dem zufällig in diese Aufgabe gerutschten Mohammed (Abdeel Akhtar) soll er der Königin einen Mohur, eine rituelle Münze überreichen. Eindringlich schärft man den beiden Indern ein, der Queen auf keinen Fall in die Augen zu blicken. Während sich die Königin absolut nicht für das wertvolle Geschenk interessiert – für sie lediglich einer der vielen lästigen Programmpunkte auf einer langen Liste – erinnert sie sich an den Blick, den ihr der attrakive Abdul Karim dennoch zuwirft und den sie erwidert.

Mama geht ins Kino: Victoria & Abdul - Prädikat besonders wertvoll

Spiel mit Stereotypen

Überraschend nimmt #QueenVictoria Karim und Mohammed in ihren Hofstaat auf – zunächst als Kellner. Doch schnell gewinnt der ihr volles Vertrauen, während sein Begleiter beständig auf die Misstände und die Unterdrückung des indischen Volks durch das Empire hinweist. Der „Clash of Cultures“ wird etwa im Essen deutlich: Die zunächst ausschließlich als The Hindis bezeichneten indischen Diener – im Hinduismus ist die Kuh ein heiliges Tier – müssen riesige Wackelpuddings, die vor Gelatine nur so starren, auftragen.

Erst nach und nach löst sich das Bild vom stereotypen Inder auf: Abdul ist überhaupt kein Hindu sondern Moslem. Er erzählt der Königin auch als sie bereits eine tiefe Freundschaft verbindet nichts von seiner in Indien zurück gelassenen Ehefrau. Während die treue Freundschaft beim gesamten königlichen Haushalt schnell zu Misstrauen, Neid und Intrigen führt, holt er auf Geheiß der Königin seine Ehefrau und die Schwiegermutter nach England. Die mit Burkas tief Verschleierten sprengen das Indien-Klischee beim Zuschauer vollends: Das ist nicht das erwünschte, vorgestellte, erhoffte Indienbild. Der Hof tobt und geht mit aller Macht gegen den Willen der Queen an. Diese bleibt gelassen gegenüber den Intrigen und erstaunlich tolerant und offen gegenüber dem absoluten Fremden, dass die beiden komplett in schwarz gehüllten Muslima verkörpern.

Mithilfe ihres Freundes Abdul Karim beginnt die Queen die zunehmende Ambivalenz und Doppelmoral der sie umgebenden Welt mit anderen Augen zu sehen. Für die vereinsamte Regentin ist es abgesehen vom Reiz des Unbekannten vor allem Vertrauen und Menschlickeit, die sie durch diese Freundschaft zunehmend zurückerhält. Es kommt jedoch zum Bruch als Victoria merkt, dass Abdul ihr verschwiegen hat, dass die indischen Muslime die eigentlichen Aufständischen gegen die britische Kolonialmacht in Indien sind und dass Indiens muslimischer Führer eine Fatwa gegen ihre Person erklärt hat.

Sie verliert ihr Gesicht vor ihrem Haushalt und fast ihr Vertrauen in Abdul. Dass sie bis zuletzt an diese unmögliche Freundschaft im Wechselspiel von Rassismus und Vorurteilen, Günstlingswirtschaft und Dopelmoral glaubt, zeigt wie wichtig menschliche Werte sind, um sich von solchen Stereotypen befreien zu können.

 

Ein Stück königliche Historie

Premiere hatte der Film am 3. September 2017 außer Konkurrenz bei den 74. Internationalen Filmfestspielen von Venedig. Victoria & Abdul läuft seit 15. September 2017 in Großbritannien und seit 22. September 2017 in den USA. In  Österreich und Deutschland startet der Film  am 28. September 2017.

Royal-Experte Stephen Frears hat mit The Queen schon 2007 ein fulminantes Kapitel aus dem englischen Königshaus aufgeblättert – nämlich über Victorias Ur-Urenkelin Elizabeth II. Diesmal basiert das Drehbuch der britisch-US-amerikanischen Filmbiografie auf dem Roman Victoria & Abdul: The True Story Of The Queen’s Closest Confidant von Shrabani Basu. Beides beruht auf einer wahren Geschichte. Die ihr zugrunde liegenden Dokumente wurden erst im Jahre 2010 entdeckt: Der indische Moslem Mohammed Abdul Karim kam 1887 als einer von zwei persönlichen Dienern an den Haushalt der Queen Victoria. Es entwickelte sich zwischen ihnen eine tiefe platonische Freundschaft. Die britische Königin, die über ein Fünftel der Erde und ein Drittel der Weltbevölkerung herrschte, ernannte ihn zu ihrem Munshi, was soviel wie „Lehrer“ oder „Angestellter“ bedeutet, weshalb #AbdulKarim auch als The Munshi bekannt war. Zudem machte sie ihn zu ihrem Sekretär, den sie auf viele ihrer Reisen mitnahm. Nach ihrem Tod 1901 kehrte er nach Indien zurück und lebte bis zu seinem Tod acht Jahre später auf dem Land, das sie ihm vermacht hatte. Karim wurde 46 Jahre alt.

 

Postkoloniale Debatte um Victoria & Abdul

Von der Deutschen Film- und Medienbewertung erhielt der Film Victoria & Abdul das Prädikat „Besonders wertvoll“. Dies wird folgendermaßen begründet: „Victoria & Abdul ist eine subtile Geschichte über Menschen unterschiedlicher Herkünfte, kultureller Prägung und gesellschaftlicher Stände. Der anfängliche Wohlfühlaspekt der Inszenierung weicht nach der zentralen Wendung dem humanistischen Drama, das Borniertheit, Chauvinismus, Klassendünkel, Rassismus am Hof entlarvt. Abdul dient wie die Königin dienen muss. Der Fremde verdeutlicht ihr diese Bedeutung des Dienens.“

Stephen Frears ist ein bedeutender Regisseur des New British Cinema der 1980er Jahre und bringt auch mit diesem Film neue Aspekte in das Kino der Gegenwart. Mit dem Film „Mein wunderbarer Waschsalon“ etablierte er aktuelle interkulturelle Konflikte im Kino-Mainstream. Schon mit „Gefährliche Liebschaften“ inszenierte er ein historisches Drama als „Spiegel zeitloser Intrigen“. In Venedig erhielt Frears für Victoria & Abdul den Preis „Jaeger-LeCoultre Glory to the Filmmaker“ für seinen außergewöhnlichen Beitrag zur Innovation des zeitgenössischen Kinos.

In Victoria & Abdul tritt die Ambivalenz der Welt des britischen Empires nicht nur einmal in den Vordergrund. Queen Victoria selbst ist eine ambivalente Figur: Sie ist zerrissen zwischen ihrer Rolle als Königin umgeben von Günstlingen und Speichelleckern, ihren von ihr entfremdeten Kindern, die das Spiel am Hof perfekt mitspielen und einer Doppelmoral, die sie zermürbt und zerrüttet. Die heuchlerische Etikette in ihrem königlichen Haushalt lässt sie komplett vereinsamen. Neben der menschlichen Ebene ist Queen Victoria als Kaiserin von Indien aber auch der Inbegriff des britischen Empires, für Indien eine leidensreiche Zeit kolonialer Unterdrückung, geprägt von Gewalt, Rassismus und Klassendenken.

Obwohl die Queen die Kaiserin von Indien ist, hat sie doch wenig bis keine Ahnung, was in Indien vorgeht. Sie hat das riesige Land noch nie betreten. Das verdeutlicht zum einen ihre Rolle innerhalb des Empires, zum anderen zeigt sie mit ihrem fast kindlichen Interesse und ihrer freudigen Offenheit für das Andere, das Abdul verkörpert, dass sie bereit ist die Normen ihrer Welt zu durchbrechen.

Auch Abdul ist eine ambivalente Figur. Er ist genauso Günstling wie alle anderen und dennoch bewundert er die Königin aufrichtig und ist ihr ein wahrer Freund. Doch wie weit geht die Grenze dieser Freundschaft? Warum erzählt ihr Abdul nicht von der Rolle der Muslime in Indien. Aus Angst die Gunst der Königin zu verlieren?

Die Figur des Reisegefährten Mohammeds entspricht meines Erachtens der postkolonialen Methode des „Reading against the Grain“ – also einem Lesen und Deuten von Literatur entgegen der Deutungshoheit der Unterdrücker: Mohammed zeigt auf, was nicht stimmt an der Gesellschaft des viktorianischen Zeitalters. Sein Blick als Fremder und Unterdrückter der von außen in die Welt des Empires eintritt, zeigt die Missstände derselben auf – sei es die Dekadenz am Hof als auch das Barbarentum, die Ignoranz und die Selbstgerechtigkeit der Sieger-Nation.

 

Fazit

Über den Film darf und soll diskutiert werden. Er lädt zum Nachdenken ein über Vorurteile und Stereotypen, darüber was solche festen Vorstellungen und gesellschaftlich konstruierte Bilder mit uns machen, wie sie entstehen und wie sie einen Sprung kriegen.

Interkulturelle Belange sind heute von absoluter Aktualität – zunehmend auch in Ländern, die in der Vergangenheit keine explizite poskoloniale Debatte geführt haben. Weil wir in einer Welt leben wollen, in der die Menschlichkeit den Sieg davon trägt.

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2 Comments

  • Michaela sagt:

    Hallo,
    ach wie witzig, dass du auch genau jetzt im Kino warst :-). Ich war gestern nämlich auch mit meinen beiden Mädels. Allerdings ging es da nicht ganz so intellektuell zu. Bei uns gab es my Little Pony. Davon berichte ich dann nächste Woche. lg Michaela

    • Verena sagt:

      My little pony liebt mein Mädel auch. Sie hat auch die Augenbrauen ein wenig hoch gezogen, als ich gesagt habe, ich gehe diesmal allein ins Kino. Doch Mama muss unbedingt ab und zu etwas für ihre kleinen grauen Zellen tun. Der Film und das darüber Nachdenken war eine tolle Abwechslung. Liebe Grüße zurück, Verena

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