Dasein mit allen Sinnen in der Erziehung

Dasein mit allen Sinnen in der Erziehung
Wenn wir Zeit mit unseren Kindern verbringen, dann sollten wir mit allen Sinnen für sie Dasein - eben "simple present" wie Felicitas Richter das so schön auf den Punkt bringt. Multitasking ist out!
Dasein mit allen Sinnen in der Erziehung

Wenn wir Zeit mit unseren Kindern verbringen, dann sollten wir dasein mit allen Sinnen – eben „simple present“ wie Felicitas Richter das so schön auf den Punkt bringt. Multitasking ist out!

 

Dasein mit allen Sinnen in der Kindererziehung hilft uns auch zu merken, wenn etwas aus dem Ruder läuft. Aktiv das Familienboot zu lenken, ist sehr wichtig, denn gerade mit der Vereinbarkeit von Familie und Job – bei uns die Selbständigkeit beider Eltern – kommt es bei den Großen leicht einmal zu Erschöpfungszuständen und anderen Engpässen. „Immer wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ’ne Auszeit her“, habe ich vor fast einem Jahr auf meinem Blog Mami Rocks geschrieben. In dem Artikel ging es darum, dass ich mir Auszeiten und dringend benötigte Ruhepausen mithilfe des „Mama Monsters“ verschaffe: Wenn nötig auch mit auf den Tisch hauen, Augen rollen und wenn es sein muss eben auch Drohungen und Wut. Das habe ich in einer ziemlich stressigen Phase, kurz nach unserem Umzug mit fünfköpfiger Familie von einem großen Haus in ein neues großes Haus geschrieben.

Heute läuft alles wieder etwas reibungsloser und eingespielter und ich brauche das Mama-Monster nicht mehr so dringend. Sehr gut getan hat mir die Lektüre des Buches „Schluss mit dem Spagat“ von Felicitas Richter. Sie spricht da ein paar Punkte an, die ich direkt in den Alltag eingebaut oder mir wieder neu vergegenwärtigt habe. Vor allem hilft mir die strikte Trennung zwischen Homeoffice und Arbeit am Computer einerseits und Zeit mit den Kindern andererseits. Der Plan war mal, vormittags zu arbeiten und nachmittags zu spielen und den Haushalt zu führen. Doch vor allem die Social Media-Kanäle oder hier und da noch schnell eine Mail eingeschoben, verwässern die Tagesstruktur. Bei diesen nachmittäglichen Abstechern ins Büro streiken die Kinder. Vom Dasein mit allen Sinnen kann dann nicht mehr die Rede sein und das spüren sie. Wenn ich soviel erledigen muss, dass es nicht ohne Mehrarbeit am Nachmittag geht, habe ich mir jetzt vorgenommen, folgendes zu tun: Ich gehe zuerst mit den Kindern zum Spielen in ihre Zimmer und konzentriere mich voll und ganz auf sie. Für gewöhnlich spielen sie nämlich dann eine ganze Weile schön alleine weiter. Expliziter möchte ich dazu meinen Wunsch formulieren, jetzt z.B. eine Stunde Bürozeit zu haben. Dafür basteln wir uns sicher demnächst auch ein Wendeschild mit der Aufschrift: Mama arbeitet – Mama hat Zeit für dich!

 

Multitasking ist out: kapiert Kinder!?

Wenn ich mir dagegen eine Auszeit für mich ganz bewusst nehmen will und das den Kindern mitteile, klappt es meist nicht. Die Kinder kommen dauernd mit etwas an, stören und respektieren einfach keine geschlossene Tür. Daher habe ich meine Auszeiten auf den Abend und den Vormittag verlegt. Einmal in der Woche arbeite ich weniger und zwinge mich dazu, zum Yoga zu gehen. Damit ich mich am Abend ausruhen kann, schlafen meine Kinder mit wenigen Ausnahmen spätestens um 20 Uhr. Um das zu schaffen, essen wir oft schon um 17.30 Uhr, um noch genügend Zeit zum Kuscheln und Vorlesen zu haben.

Außerdem fahre ich ja alle drei Monate für zwei mal fünf Tage allein zum Arbeiten in die Stadt und habe da die Abende zur Verfügung, um mich mit Freunden zu treffen und alles zu erleben, was mit Familie eben nicht an der Tagesordnung ist. Das Eintauchen in mein altes Leben ist auch ein sehr intensives Dasein mit allen Sinnen und ich genieße das immer sehr. So fällt es mir dann auch zuhause wieder leichter, den Alltag als Mama anzunehmen und zu leben. Schließlich bin ich ja gerne Mama – was aber nicht heißt, das ich nicht mal Tapetenwechsel brauche.

 

Dasein mit allen Sinnen

Den Moment leben können, ist eine wunderbare Gabe, die ich so gerne bei meinen Kindern beobachte. Und ich kann sie so gut verstehen, wenn sie in ihr Spiel vertieft sind, und keine Lust haben, das zu tun, worum die Mama sie bittet. Immer anziehen, immer Zähne putzen oder gar Zimmer aufräumen. Manchmal komme ich zu meinen Kindern mit so einer ungeliebten Aufgabe und werde damit entweder komplett ignoriert kein Gehör verschaffen. Wenn ich voll und ganz präsent bin, also wirklich im Dasein mit allen Sinnen, werde ich mir dem Augenblick gewahr und nutze die Gelegenheit, um in meinem stillen Kämmerlein zu verschwinden und herrlich ruhige Momente zu erleben. Feste muss man eben feiern wie sie fallen.

Natürlich geht das auch bei uns nicht frühmorgens, wenn wir um 7.15 Uhr im Auto sitzen müssen, um rechtzeitig zu Schulbeginn da zu sein. (Bei uns beginnt die Schule nämlich schon um 7.40 Uhr und ab September haben wir drei Schulkinder! Heißa hopsa!) Immer und immer wieder erkläre ich den Kindern, dass es eine Zeit zum Spielen und eine Zeit zum Essen gibt und jetzt sei eben die Zeit zum Fertigmachen. Ich weiß nicht wie oft ich ihnen das noch erzählen muss, aber mit der Zeit muss es sich doch einprägen, oder? Oder?!?

Gerade letzte Woche hatten wir wieder ein paar stressige Morgenstunden. Im Auto besprechen wir jetzt oft, warum das Fertigmachen gerade an diesem Morgen so schlecht gelaufen ist. Ein Kind wacht nämlich immer später auf, zieht sich anders als die anderen zuerst an und beschwert sich dann, dass es alleine essen muss. Die Geschwister wollen sie nicht wecken, weil sie dann schlecht gelaunt ist und ich habe mich heute gefragt, was eigentlich mein Grund ist, warum ich sie nicht früher wecke. Dabei wurde mir klar, dass ich erst hoch gehe, wenn ich das Frühstück fertig zubereitet habe, denn die Tochter möchte immer, dass ich bei ihr in der Nähe bleibe, während sie sich anzieht. Nachdem wir das alles besprochen haben, hat die Fünfjährige eingesehen, dass sie selbst etwas ändern kann, um in einen Morgen nach ihren Vorstellungen zu starten. Ab morgen wollen wir probieren, dass sie wie die anderen gleich mit zum Frühstück kommt und dann gemeinsam mit mir und den Brüdern zum Anziehen nach oben geht.

Dasein mit allen Sinnen heißt eben auch, gemeinsam Probleme zu sprechen und Lösungen zu finden. Zuerst zuhören und sich ganz auf die Mitmenschen einlassen, sich in sein Gegenüber hineinversetzen. Bei wichtigen Gesprächen habe ich mir es auch angewöhnt, mich zu dem Kind auf den Boden zu setzen oder sonst wie auf Augenhöhe zu sein.

 

Prioritäten setzen

Als die Zwillinge vier Monate alt waren, bekam ich die erste Anfrage zwecks eines Artikels. Der Wiedereinstieg in meinen Job als Journalistin war mir sehr wichtig und die Arbeit selbst war für mich die Auszeit vom Alltag mit drei Kleinkindern im Abstand von 16 Monaten. Heute ist das Auftragsvolumen so hoch, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf komplexer wird. Wenn ich mal wieder mehrere Tage am Stück weg von zuhause war, komme ich oft sehr müde heim. Dann nervt mich der Geräuschpegel zuhause mehr als gewöhnlich. Dadurch lerne ich jedoch neue Grenzen aufzuzeigen und den Kindern zu zeigen, wie weit sie gehen können.

Für die Zeit zuhause nehme ich mir bewusst nicht mehr so viel vor. Auch Termine und Events abzusagen, habe ich keine Scheu mehr. Wenn ich merke, es wird gerade alles zuviel, habe ich auch der Logopädin abgesagt, da wir da irre weit fahren mussten – und siehe da, das Kind hat es dennoch gelernt, die Sch-Laute korrekt zu sprechen.

Was nutzt schon der beste Plan, wenn ich ihn nicht umsetzen kann. Seit langem schreibe ich keine To-Do-Listen mehr. Es frustriert mich bloß zu sehen, was nicht geschafft wurde. Abends vor dem Einschlafen oder in einer der kostbaren ruhigen Minuten morgens, bevor die Kinder wach werden, überlege ich mir was ich heute unbedingt erledigen muss. Meistens sind das nicht mehr als 3 oder 4 Punkte. Ich habe einen großen Wandkalender, in den Termine von allen Familienmitgliedern eingetragen werden. Da mein Mann und ich beide selbständig sind und die meiste Zeit nur entweder er oder ich zuhause sind, ist ein regelmäßiges Absprechen und genügend Zeit für die Übergabe richtig wichtig.

 

Abgeben und Loslassen

Ein schlechtes Gewissen habe ich nie. Wenn es mal anklingt, weil ich so wenig Zeit zum Spielen habe oder weil ich den Kindern schon zum dritten Mal einen Film oder ein Hörspiel anschalte, um Ruhe zu haben, schiebe ich es mit Vehemenz und Ausdauer zur Seite. Jeder Mensch braucht Zeit seine Batterien wieder aufzuladen. Auch dabei heißt das Zauberwort, dasein mit allen Sinnen! Sonst geht schnell viel schief. Kinder können und müssen lernen sowohl andere Menschen in ihren Grenzen zu respektieren, als auch sich selbst auszuruhen und zu regenerieren. In unserer Familie üben wir das in der Beziehung von jedem mit jedem, obwohl es wie mir scheint noch ein langer Weg dahin ist.

Dasein mit allen Sinnen in der Erziehung (Felicitas-Richter-Schluss-mit-dem-Spagat

Ganz wunderbar finde ich diesen Satz von Felicitas Richter, die übrigens auch Seminare und Vorträge zu ihrem Anti-Stress-Konzept „Simple Present“ für einen entspannten Familienalltag gibt: „Erziehung zur Selbstständigkeit ist kein Weg-Sehen und das Kind allein lassen. Es geht vielmehr darum, das Kind aufmerksam zu beobachten, es respektvoll zu begleiten, ihm aber auch die Herausforderungen des Lebens zuzumuten. In der Familie findet es den Schutzraum, Verantwortung schrittweise übernehmen zu lernen. Das kommt nicht nur dem Kind zugute, sondern auch Ihnen, damit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu Hause gut klappt.“

Loslassen heißt nämlich nicht nur, den Partner Haushalt und Kinderkram auf seine Weise erledigen zu lassen. Nein, ein ganz wichtiger Punkt ist nämlich, die Kinder in das Unternehmen Familie mit einzubeziehen. Wir haben eine Punkteliste mit festgelegten Goodies zum Einlösen und festgelegten Tätigkeiten wie Blumen Gießen, Spülmaschine oder Zimmer aufräumen. Es funktioniert nicht immer, aber den Kindern leuchtet es zunehmend ein, dass die Mama sehr wenig Zeit zum Spielen hat, wenn sie zehnmal gehen muss bis etwa das Auto leer geräumt ist.

Bitte habt kein schlechtes Gewissen! Hauptsache eine entspannte Mama, die ihre verdiente Pause auch für sich nützt. Dasein mit allen Sinnen heißt eben auch, die Auszeiten zu genießen!

Wer noch mehr lesen will über meinen Alltag als berufstätige, selbständige Mamas, kann hier weiterschmökern. Außerdem gibt es bei mamirocks viele tolle Portraits zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

 

2 Comments

  • Judith sagt:

    Liebe Vera,
    ein toller Beitrag. Ich sollt mich mal an den Ohrwaschln nehmen und einiges davon beherzigen. Auch ich bräuchte eigentlich auch am Nachmittag Zeit, etwas zu arbeiten, kann sie mir aber nicht nehmen. Das ist eine meienr größten Schwierigkeiten mit dem Home Office. Irgendwie sind die Gedanken immer dabei. Aber ich lerne noch … und das, obwohl ich eigentlich immer schon überwiegend im Home Office gearbeitet habe.
    Danke für den Artikel!
    Liebe Grüße
    Judith

    • Verena sagt:

      Ja, ich lerne auch ständig. Bin ebenfalls am üben – so leicht ist die Umsetzung ja nun mal nicht, wie wir alle wissen, gell? Schöne Grüße zurück.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.