Augen im Haus – Kurzgeschichte und der Mut zur Veränderung

Kurzgeschichte für Kinder "Augen im Haus"

Heute habe ich eine Kurzgeschichte für Euch und Eure Kinder. Ich habe die Kurzgeschichte „Augen im Haus“ im Sommer geschrieben. Wenn ich Yoga mache, wenn ich an meniem Schreibtisch stehe oder auf der Terrasse sitze, im Garten bin – bisher war da immer die Wetterfichte und dieses alte, verlassene Haus. Ich schenke Euch heute ganz spontan diese Kurzgeschichte – und ich schenke sie auch dem alten Haus und der WEtterfichte. Heute schließt es seine Augen für immer, nach ungefährt 80 Jahren. Die alte Fichte ist soeben umgesägt worden und ich habe mich verabschiedet, verabschiede ich mich mit dieser Kurzgeschichte. Tschüß Wetterfichte – tschüß altes Haus!

 

Kurzgeschichte: Augen im Haus

Wenn Frieda zu dem Haus auf der anderen Seite des Gartenzauns schaut, erschrickt sie. Gruselig lebendig findet sie es. Niemals würde sie hinüber klettern. Das Haus blickt sie stumm an. Es hat Augen, hohl und tief. Bewegt sich da ein Schatten im Auge direkt vor ihr? Seine Farbe ist anders, grüner.

Manchmal landet der Ball dort. Dann ruft sie Mama. Der Drahtzaun ist eingedrückt. Mama steigt drüber. Sie streift die Brennnesseln und schreit auf. Frieda weiß, sie brennen. Die Pflanzen sind größer als sie selbst, obwohl sie erst im Frühjahr aus der Erde krochen. Sie findet sie schön und unheimlich, wie Königinnen mit Silberschmuck und Zackenkronen. Gemeinsam bilden sie einen Wall vor dem Haus. Die Wächterinnen lassen niemand einfach durch, passen besser auf als der rostige Zaun.

Was, wenn sie Mama verschlucken?

Jetzt sieht sie Mamas Kopf wieder. Sie hält den Ball hoch und wirft, klettert, flucht und springt. Auf der roten Haut ihrer Beine treten weiße Punkte hervor. Mama reibt sich die verbrannten Beine und geht zurück in die Küche. Hat sie gar keine Angst vor dem Augenhaus? Sieht sie denn nichts?

Mama hat gesagt, da wohnt kein Mensch mehr. Frieda wirft den Ball und fängt ihn. Sie läuft am Zaun entlang. Um die Hausecke sieht sie bröckelnde Mauer. Das Fenster dort ist zerbrochen. Glassplitter liegen im Gras: lange spitzige Zacken. Der Fensterladen hat sich losgerissen, quietscht im Wind. Frieda reckt sich, um etwas zu erkennen. Was huscht da drin?

Ein Vorhang bläht sich, bauscht aus dem offenen Fenster, einladend rosa.

Tief in Friedas Bauch sitzt ein Zwerg, der flüstert ihr zu wie das Haus. Er erzählt ihr eine Geschichte von uralten Lebewesen, den Namenlosen, Unheimlichen. Auf ihren nackten Armen spürt sie die Gänsehaut. Sie steht da und hält sich am Ball fest. Etwas hält sie fest. Weg kann sie nicht.

Mama ruft. Das Wispern verstummt. Das Haus steht stumm. Der Vorhang hängt reglos herab. Erleichtert rennt Frieda davon.

Trauen müsste man sich. Sie traut sich nicht und schüttelt die Augen in ihrem Rücken ab wie Ameisen unterm Pulli.

In ihrem Rücken spürt sie die Blicke. Nein, da sind nicht nur Augen. Es flüstert und raunt. Ein Krachen, es lebt! Kommt es ihr nach? Entsetzt dreht sie sich um, schon auf der sicheren Treppe zu Mama. Eine Windbö entreißt ihr den Ball. Er kullert fort. Wo ist ihr Ball? Er rollt davon. Nur ein Blick noch zurück in den Garten. Wo hat das Haus bloß seinen  Mund versteckt? Ist es das Holztor, dort in den Brennnesseln? War das Krachen der Wind?

Frieda springt über die letzte Stufe. Die Terrassentür schlägt sie fest hinter sich zu.

 

Frieda lauscht im Licht der Laterne

Mein Sausewind, sagt Papa. Nach dem Abendessen liegt Frieda im Bett. Mama hat ihr eine Gutenachtgeschichte und tausend Küsse gegeben.

Jetzt ist es dunkel im Kinderzimmer. Das Haus beäugt sie, im schimmernden Gold der Gartenlaterne. Heute ist es zu mächtig. Sie hätte Mama bitten sollen, den Rolladen zu schließen. Aber Mama ist unten bei Papa und Frieda allein mit dem Augenhaus, das zu ihr starrt – unentwegt und stumm. Wie konnte sie nur vergessen, dass es da draußen wartet?

Niemals würde sie zum Fenster gehen und das Rollo selbst schließen. Frieda lauscht. Es hört sich an, als atme jemand unterm Bett. Wer liegt da unter ihr und schnauft? Er geht nicht weg. Außer sie schaltet das Licht an und sieht nach. Frieda fühlt das. eben so wie sie das Haus spürt. Es starrt und wartet, schrecklich stumm.

Frieda sieht seine schwarzen Schattenaugen im Licht der Laterne blinzeln.

Bei Sonnenschein tut das verlassene Haus ihr manchmal leid. Es ist so allein. Von seinen Fensterrahmen und Läden aus Holz blättert weiße Farbe ab. Das Dach biegt sich in der Mitte durch. An den Seiten fehlen Dachziegel. Rot würde ihm gut stehen. Im Dunkel ihrer weichen Kissen malt sie sich aus, wie nett es als Junges aussah. Bestimmt lebten dort Kinder, eine Mama, ein Papa.

Vögel krächzen. Die wohnen jetzt da und fliegen durch das Loch im Dach.

Letzten Sommer hat sie mit Papa die Zwergfledermäuse entdeckt. Wenn Frieda auf der Picknickdecke auf dem Rücken liegt, sieht sie die Flugtiere ihre Kreise drehen. Irre schnell, viel flinker als die Krächzkrähen.

Vom Bett aus winkt sie der Wetterfichte. Jemand hat ihren Stamm gestutzt – ungefähr dort, wo der Kamin aus dem Dach ragt. Wie kann man einen Baum nur mitten durchschneiden, überlegt Frieda.

Mama meint, der Baum hat den Menschen zu viel Schatten gemacht. Gehört den Menschen die Sonne? Was wenn der Baum schon vorher da wuchs, wo jetzt die Menschen wohnen? Ein Mensch darf sägen. Die Fichte aber ist  geblieben. Majestätisch breitet sie ihre Arme aus. Morgen früh würde Frieda gucken, ob sie ihr neue Zapfen in den Garten geworfen hat. Das Wogen der Zweige lässt sie schlummrig werden, ihr Wiegenlied. Schützend steht der Baum vorm Haus. Summt er die Geschichte des einsamen Hauses?

Morgen Haus, murmelt das kleine Mädchen. Morgen komme ich zu dir, wenn ich mich trau.

 

Sonne steht ihm gut

Ein Sonnenstrahl kitzelt am großen Zeh. Frieda reckt den Hals. Es ist da. In der Sonne schimmern seine Augen blau wie Triefteiche. Frieda fällt ein, was los ist. Plötzlich weiß sie, was zu tun ist. Mit Matze von nebenan würde sie gehen. Matze ist mutig.

Sie fühlt sich frisch und ausgeschlafen. Dabei hat sie geglaubt, nie und nimmer ein Auge zuzudrücken – gestern nacht.

Sie öffnet die Tür zum Balkon. Drüben in den schmutzigen Scheiben spiegeln sich die frischen Wipfel der Wetterfichte. Obwohl sie zersägt ist, treibt sie neues Grün aus sich heraus.

Frieda findet, dass auch sie im Frühling schneller wächst. Alles wächst. Sie muss einfach mitwachsen. Abwechselnd hopst sie von Bein zu Bein zu Tisch. Nach ein paar Hopsern wechselt sie. Die Knarrtreppe runter hält sie sich fest, ist sicherer.

Die Sonne strahlt so schön. Nichts ist mehr gruselig. Das Haus darf ruhig warten, bis sie fertig gefrühstückt hat. Es stört sie heute nicht, dass es immerfort da steht und auf sie wartet. Soll es eben starren und warten.

Gleich würde sie Matze vom Haus erzählen. Schon ist sie am Gartenzaun von Matzes Reihenhaus. Doch ihr Freund ist nicht zu sehen. Frieda wartet. Im Gras sind Spuren. Hat es geregnet in der Nacht? Eine Schnecke kriecht den Pfosten hinauf. Sie hinterlässt eine Glitzerspur.

 

Perlentaucher

Es tropft und tropft. Der Tau hat sich in der Mitte der Blätter gesammelt. Vorsichtig stippt Frieda ihren Zeigefinger in den größten Tropfen. Er teilt sich, kleine perlen ab.

Weil kein Matze aus dem weißen Haus kommt, spielt sie Perlentaucher. Plötzlich schaut sie hoch und erschrickt. Der Perlentaucher hat das Schiffswrack erreicht. Es glotzt wie ein blinder Kastenfisch.

Vor ihr schwankt sachte der Zaun. Er ist an dieser Stelle ganz zertreten und reicht ihr nur bis zu den Knien. Auge in Auge steht das Mädchen vor den Königinnen. Ihre Kronjuwelen baumeln im Morgenwind. Sie glitzern und lächeln sie an. Ist das eine Einladung? Würden sie Frieda durchlassen? Durfte Frieda einfach so in ihr Königreich hinein? Das traute sie sich nie und nimmer.

Doch wer sagt das? Wem gehört die Stimme da im Bauch? Sie klingt gar nicht wie Frieda-Ich. Wer bestimmt eigentlich, was sie sich traut?

Sie lauscht dem perlenden Geglitzer. Da schickt die Morgensonne ein paar Strahlen hinter einer Federwolke vor. Die graue Mauer fällt in ihren gleißenden Farbtopf. Das Haus leuchtet auf und seine Augen blinken Frieda seltsam freundlich an.

Das Kind setzt einen Fuß auf den wackeligen Maschendraht, streckt ihn vor und besieht sich ihren quietschroten Gummistiefel vor all dem Grün. Die Lieblingsfarbe wird sie vor dem Brennen beschützen. Auch die Jeans hilft mit. Frieda versteckt die nackten Hände in der Tasche ihres Pullis, bereit für einen neuen Schritt. Langsam senkt sich ihr Gummistiefelbein über den Zaun. Da ist eine Lücke zwischen Draht und Brennnesseln, da hinein.

Ihre Majestät nickt hoheitsvoll

Ihr Gesicht ist dicht vor den Köpfen der Königsnesseln. Sie nicken majestätisch. Da rennt sie los, hinein in den Wald der Königinnen. Hinter ihr schließen sich die Pflanzen zu einer grünen Wand. Nichts regt sich, nichts brennt. Ungläubig blickt Frieda auf den Wall der Nesselfrauen. Sie hat vergessen, ihr Gesicht zu schützen. Aber es brennt nicht. Ist das ihre Erlaubnis? Sie spürt grünes Dämmerlicht auf sich ruhen.

Zaghaft wendet sie sich dem Haus zu. Ihr Herz klopft an. Wenn sie die Brennnesseln zur Freundin hat, passiert ihr nichts. Die Königinnen sind mächtiger als Matze.

Sie steht unter einem Auge. Es ist weiter oben als sonst. Frieda knickt eine Pusteblume ab und verpustet sie bis zum Schluss. Reglos lauschend pustet sie Blume um Blume. Was Matze wohl gerade macht? Ist er heute nicht zuhause? Kauft er mit seiner Mutter ein?

Frieda erschrickt. Die Brennnesseln sind so hoch, dass sie Mama nicht mehr sieht. Ob die grünen Königinnen Matze durchgelassen hätten?

Frieda überlegt und pustet. Ihr Pusteweg hat sie durch den Wildblumendschungel bis vor die Tür des Hauses geführt.

Da ist der Mund. Kommen hier die gewisperten Geschichten raus? Die Tür ist verschlossen. Frieda guckt hin und her. Auf der Seite der Pforte sind alle Augen zerschlagen. Tatsächlich, es sind Vorhänge, die da im leerem Zimmer wehen. Spitze flattert in der Brise.

Es heult. Das Haus heult? Frieda lauscht lange. Ihr Bauch zwickt. Was sagt die Bauchstimme? Ihr Blick fällt auf das Holztor hinter den Brennnesseln. Es schwingt ein Spaltbreit auf. Das Heulen kommt von dort.

Frieda lugt ins Schwarz. Behutsam schiebt sie sich durch. Es riecht alt vertraut hier. Plötzlich ist alles gut und Stille. Sie fühlt mit dem Haus, streicht ihm tröstlich über seine raue Wand.

Unendliche Minuten später tritt sie aus dem Dunkel zurück ins Licht und nimmt im tiefen Gras Platz. Die Fichte über ihr lässt einen Zapfen fallen, die Königinnen nicken stolz. Das Haus ist jetzt ihr Freund. Es sehnte sich bloß nach Gesellschaft. Frieda ist froh, es kennen zu lernen. Vielleicht besucht sie es morgen mit Matze und seiner Taschenlampe – oder allein.

Hier habe ich noch eine Kurzgeschichte zu Weihnachten: Eine Weihnachtsgeschichte, die keine ist, 2016 bei Kellerbande veröffentlicht.

Hier findet ihr eine Spontangeschichte zu 6 Wörter fordern dich auf. Und hier habe ich noch eine Kurzgeschichte zum Vorlesen für Kinder, die Angst vor der Dunkelheit haben. Kurzgeschichte für Kinder "Augen im Haus"

Wenn euch diese Kurzgeschichte für Kinder und Erwachsene gefallen hat, teilt sie gerne auf Pinterest. Vielleicht veröffentliche ich hier und da einmal wieder eine Kurzgeschichte, wer weiß?!

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