Was die Hirnforschung zur Kindererziehung beitragen kann: Joachim Bauer im Interview

Der Neurowissenschaftler Prof. Dr. Joachim Bauer bei mamirocks im Interview über Kinder & Erziehung: Was die Hirnforschung zur Kindererziehung beitragen kann

Vor kurzem bin ich im Münchner Kinderkunsthaus in Schwabing in den Genuss eines Vortrags von Prof. Dr. Joachim Bauer gekommen: Zum Thema „Beziehung, Resonanz, Kooperation – Was Eltern und Lehrkräfte von der Hirnforschung lernen können“ inspirierte mich der Neurowissenschaftler und Psychotherapeut in der Reihe Werkstattgespräche – Erwachsen SEIN. Neugierig BLEIBEN – dazu auch sein Buch „Lob der Schule“ aufmerksam bis zu Ende zu lesen. Darin vertieft er das Thema des Vortrags: Er erklärt anhand von Erkenntnissen aus den Neurowissenschaften wie Beziehungen (zu Eltern, aber uach und ganz wichtig zu Lehrern) funktionieren. PRÄDIKAT SEHR LESENSWERT wie eigentlich alle Bücher des Bestsellerautors Joachim Bauer.

 

Was Kinder brauchen

Bei der Lektüre von Lob der Schule wird schnell klar, woran es in unseren Schulsystemen krankt, und das beginnt bereits bei der Ausbildung der Lehrer und Pädagogen an unseren Hochschulen. Wie soll ein junger Mensch, der den bewundernswerten Beruf einer Lehrerin, eines Erziehers ergreift, mit einer Ansammlung an theoretischem Wissen und reinen Lehrstoffsammlungen sich in einer Klasse aufgeweckter Kinder oder Jugendlicher behaupten können? Joachim Bauer bringt anschauliche Beispiele wie das von der aufgeschreckten Bergziege dort vorn an der Tafel versus des Tigers, der es versteht seine Klasse zu motivieren und mitzureißen. Die Kinder brauchen weder Wissensautomaten noch brauchen sie Eltern, die stets damit beschäftigt sind, ihre Kinder zu gesellschaftlich optimierten Vorzeigewesen zu trimmen oder (vor lauter Ich-Bezogenheit?) die Kinder lieber vor dem Tablet parken, damit sie sich selbst ausruhen können. (Mein Fazit).

Kinder brauchen unser echtes Interesse, sie brauchen echte Menschen um sich herum, keine perfekten Eltern. Und sie brauchen Freunde aus Fleisch und Blut.

Dazu habe ich Prof. Dr. Joachim Bauer ein paar Fragen gestellt. Seine spannenden Antworten darf ich Euch hier präsentieren.

Welche Erziehung ist nachhaltig?

Der Neurowissenschaftler Prof. Dr. Joachim Bauer bei mamirocks im Interview über Kinder & Erziehung: Was die Hirnforschung zur Kindererziehung beitragen kann

Pinn mich, wenn Du dieses Interview interessant findest!

JB: Besonders bedeutsam ist, dass das Kind im ersten Lebensjahr eine Bindung zu den Eltern – oder zumindest zu einem Elternteil – aufbauen kann, dass es in dieser Zeit körperlich Nähe, Zärtlichkeit und liebevolle Versorgung erfährt. Nachhaltigkeit ergibt sich daraus, dass Eltern – oder die beiden Elternteile – das Kind über die gesamte Kindheit bis zum Abschluss der Pubertät verlässlich begleiten und ihm das Gefühl geben, in den Eltern einen sicheren Halt zu haben.

 

Sie haben im Vortrag kurz angesprochen, dass sie Medienkonsum im Kindergartenalter, ja auch noch in der Grundschule wenn ich Sie richtig verstanden habe, absolut kritisch sehen und empfehlen, die Medienzeit der Kinder sehr zu reduzieren. Warum?

JB: Kinder sind sensomotorische Wesen. „Sensorisch“ heisst: Benutzung der Sinne; „Motorisch“ heisst: Benutzung der Hände, Arme und Beine. Kinder müssen einerseits die Welt durch Sehen, Hören und Erfühlen kennenlernen, andererseits sollen sie ausprobieren, wie man in der Welt handeln kann.

Die Welt ist keine zweidimensionale Bedienungsoberfläche, sondern eine dreidimensionale Welt, die sich das Kind nur analog, nicht digital erschliessen kann.  Daher sollen Kinder in den ersten zehn Lebensjahren in der realen Welt spielen, die Natur erkunden, musizieren und lernen ihren Körper einzusetzen. Smartphones, Tablets und PCs engen, wenn sie in dieser Zeit zur Beschäftigung des Kindes werden, den Erfahrungsraum des Kindes gefährlich ein.

 

Alle Eltern wünschen sich eine gute Kommunikation mit ihren Kindern, auch wenn diese ins Teenie-Alter kommen? Was kann ich in der Kindergarten- und Schulzeit dazu beitragen, damit meine Kinder mich auch wenn sie größer sind, noch ins Vertrauen ziehen?

 

JB: Das Wichtigste ist, mit dem Kind täglich mindestens einmal am Tag im Gesprächskontakt zu sein, vor allem dann, wenn das Kind von Kindergarten oder aus der Schule zurückgekommen ist. Kinder sollten jeden Tag die Möglichkeit haben, über das, was sie „draußen in der Welt“ erlebt haben, mit ihren Eltern zu sprechen.

Der Neurowissenschaftler Prof. Dr. Joachim Bauer bei mamirocks im Interview über Kinder & Erziehung: Was die Hirnforschung zur Kindererziehung beitragen kann

Diese Bücher von Joachim Bauer stehen allesamt in unserem Bücherregal – und nein, ich persönlich habe sie noch nicht alle durchgelesen, abermein Mann und ich sind begeisterte Fans.

 

Was würden sie Eltern raten, die unglücklich mit der Schule ihres Kindes sind?

JB: Zunächst einmal ist es wichtig, dass Eltern hinhören, vor allem aber, dass sie nachfragen. Völlig falsch sind elterliche Reflexe, ohne jedes Nachfragen gleich zur Schule zu rennen und dort irgendwelche Vorwürfe abzuladen. Kinder sind von dem, was sie in einem bestimmten Moment erlebt haben (z. B. von einem kritischen Wort einer Lehrkraft), so beeindruckt, dass sie dabei oft die Vorgeschichte vergessen (z. B. den vielleicht berechtigten Grund, warum die Lehrkraft Kritik geübt hat). Wenn dem Kind also etwas Aversives, Unangenehmes zugestoßen ist, sollten Eltern sich erst einmal mit dem Kind hinsetzen und fragen: „Jetzt erzähle mal in Ruhe! Wie hat das ganze denn angefangen? Was ist vorher passiert?“

 

Was würden sie Eltern empfehlen, deren Kinder sehr zappelig und unruhig sind?

JB: Diese Kinder brauchen mehr Bewegung und werden oft dadurch ruhiger, dass sie einen Sport betreiben, der sie körperlich voll und ganz fordert. Bei Jungs wäre das vorzugsweise das Fussballtraining in einem Verein oder Schwimmen in einem Schwimmclub. Auch Mädchen können heute in Fußballvereine gehen, andere bevorzugen das Schwimmen, das Turnen oder eine andere Sportart.

 

Was liegt ihnen besonders am Herzen in Bezug auf das Leben unserer Kinder in der heutigen Gesellschaft?

JB: Dass Kinder sich an der analogen Welt – an einer Welt mit realen Menschen und realen Objekten und an der Natur – orientieren, Freundschaften mit realen Freundinnen und Freunden haben. Die digitalen Ersatzwelten dürfen nicht zum Haupt-Erfahrungsraum der Kinder werden.

 

Herr Bauer, herzlichen Dank für das Gespräch.

 

4 Comments

  • Tina sagt:

    Ich stimme ihm weitestgehend zu. Kinder sollen immer noch hauptsächlich in der analogen Welt aufwachsen. Ich finde den Kontakt zur Digitalen Welt jedoch auch wichtig. Digitale Medien haben inzwischen in allen Bereichen unseres Lebens Einzug gehalten. Man muss den Nachwuchs da heranführen. Solange sie noch jünger sind, habe ich da mehr Einfluss. Wenn ich ihnen diese Medien erst ab dem 14ten Lebensjahr gestatte, wie Prof. Dr. Manfred Spitzer das rät, dann habe ich keinerlei Einfluss mehr auf sie. In diesem Alter lassen sie sich von mir nichts mehr sagen.
    Tablets können ein guter Ersatz für Kinder-Sachbücher sein, weil sie hier interaktiv neue Dinge entdecken können.
    Danke für den Beitrag. Ich werde mir mal einige der Bücher anschauen.
    LG, Tina

    • Verena sagt:

      Danke für Deinen Kommentar. Meiner Meinung nach ist es nicht möglich sich digitalen Medien vollkommen zu entziehen. Es gibt unzählige Berührungspunkte, daher verstehe ich diesen Hinweis als Empfehlung, mich an meiner eigenen Nase zu packen und den Medienkonsum meiner Kinder weiterhin gering zu halten und eben eher einmal mehr nein als wieder ja ihr dürft zu sagen. Gerade wenn ich zu müde bin, um etwas mit den Kindern zu unternehmen, passiert das leicht. LG

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