Einatmen – ausatmen – weitermachen, WMDEDGT 8/19

Kurztrip nach Wien: Kunst am Wochenende
Wenn ihr wissen wollt, wer das Portrait von mir gemacht hat, lest die Wiengeschichten

Einatmen – ausatmen – einatmen – ausatmen

Die Gedanken blubbern ständig hoch, brausen, brodeln im Kopf herum. Schieb sie weg. Gib ihnen einen Tritt, haut doch endlich ab.

Konzentration: einatmen – ausatmen. Was wollt ihr von mir? Fiese Gedanken, dunkle Wolken aus zerkautem, faden Bubblegum. Was wollt ihr von mir? Ist so das Leben? Leben als Familie? Geht das jetzt so weiter? Die Kleinkinderjahre sind vorbei, alles ist entzaubert. Slow Family Motion in der Endlosschlaufe. Diskussionen beim Anziehen, Gemaule am Frühstückstisch. Alles ist selbstverständlich. Und warum müssen wir da hin? Warum können wir nicht chillen? Warum haben wir morgen dieses idiotische Ferienprogramm? Ich will daheim bleiben.

Einatmen – ausatmen -brüllen! Zum hundersten Male fauche ich. Warum muss ich das überhaupt immer wieder beantworten? Warum erkläre ich schon wieder ohne einen Funken Geduld mehr im Hirn, dass ich nicht mal einen Bruchteil von meiner Arbeit schaffe, wenn die Kinder in den Ferien tagein tagaus daheim bleiben? Dazu müssen sie noch nicht einmal streiten, dass ich nicht denken, nicht schreiben, keine Texte fertig kriegen kann.

Holterdipolter geht es die alte knarrige Holztreppe nach oben. Endlich Ruhe. Einatmen – ausatmen – den Computer einschalten. Arme zur Decke strecken, ein wenig nach links und rechts dehnen, einen Kreis mit den Armen schließen. Einbilden, dass das fast so etwas ist, wie wenn ich mir jetzt meine Yogamatte holen würde und echt eine Stunde trainieren würde.

Pah, wann denn?, fragt mein inneres Faultier. Aber mein diszipliniertes Supersportler-Ich mit dem imaginär perfekt geshapten Body pflichtet dem Faultier stillschweigend bei. Kaum liege ich auf der Matte, braucht jemand was, fragt jemand was, will jemand was. Und selbst wenn es bloß die Katze ist, die so penetrant miaut, dass du sofort in den Keller gehst und die Futterschüssel füllst. Komisch, dass die nicht zunimmt. Einatmen ausatmen – exhale – inhale. SAT NAM – Lass los.

 

Nur wenige Wimpernschläge später

Das Getrampel auf der Treppe, ähnlich einer wildgewordenen Rinderherde, nähert sich mit ohrenbetäubender Geschwindigkeit. Warum hören die nicht mit ihrem eigenen CD-Player, sondern brauchen stets neue Abenteuer aus dem Netz? Welcher Idiot hat eigentlich gesagt, dass Kinder Hörspiele streamen dürfen? Wer das einst erlaubte, hat nicht an die Konsequenzen gedcht. Es ist einfach immer was, die Boombox erneut über Bluetooth verbinden, ein anderes Kind ist jetzt dran eine andere Geschichte auszuwählen, da stimmt was nicht, der Ton ist weg.

Einatmen – ausatmen: Wenn ich daran denke wie genügsam ich als Kind war. Ich habe meine 20 Kassetten immer und immer wieder angehört. Ich kann sie heute immer noch auswendig. Heute sind Hörspiele fast Einmalprodukte – konsumiert, entsorgt. Aber das wird jetzt anders werden. Tief einatmen – ausatmen. Ich habe ohnehin keinen Bock zu arbeiten nach zwei Wochen Ferien mit der ganzen Familie. All diese Special Effects um mich rum, machen es nicht leichter.

 

Erst mal Mittagessen

Wutgebrüll tönt von oben. Seufzend geh ich mal nachsehen, was soll’s. Da ist einer, der Trost braucht, weil er andauernd im Kartenspiel verliert. Eine Pechsträhne. Es ist kurz vor zwölf. Ich kann genauso gut auch Mittagessen kochen. Es gibt Pasta mit Thunfisch inder Tomatensauce.

Die Kinder hauen rein – ausnahmslos alle. Ein kleines Wunder. Keiner nörgelt am Essen herum. Fleisch, Fleisch höre ich vom Platz neben mir. Ich schmunzle. Diesmal begehe ich nicht den Fehler schon vorher zu verraten, was im Essen ist. Thunfisch ist so mittel beliebt, mal geht er, mal nicht. Kurz vor Ende erlaube ich mir mit kleiner Genugtuung in der Stimme die Menüfolge anzukündigen – die soeben verspeiste wohlgemerkt. Erstaunte Gesichter, kurzes starr werden und innehalten der Esswerkzeuge, erneutes Schaufeln. Thunfisch durchgewinkt. Offenbar bissfeste Konsistenz als fleischähnlich abgespeichert. Hoffentlich gerät das nicht vor dem nächsten Thunfischgericht in den Delete-Ordner.

Was bin ich froh, dass morgen Ferienprogramm beginnt. Das ist meine Woche – dreimal einen ganzen Tag Zeit zum Arbeiten. Aber heute nicht, heute sind alle daheim. Nein, wir können nicht den ganzen Tag „tabletten“ und 3DS zocken. Nein, ich stelle mich jetzt nicht mit der Eieruhr neben mich und achte darauf, dass keiner länger als die vorgeschrieben Medienzeit hat.

 

Einatmen – ausatmen – tippen

Ich zwinge mich zum Tippen. Tipp einfach, tippe Nachricht um Nachricht, Meldung um Meldung. Der Berg wird kleiner. Weg geht er nie, aber er weicht. Ich grabe für gewöhnlich Tunnel in ihn hinein. So kann ich es mir gemütlich in einer seiner Höhlen machen. Wenn ich ihn ganz ausgehölt habe, kracht er vielleicht irgendwann ein. Kracht zusammen und begräbt  mich unter sich. Ich bleib dann liegen, ganz einfach liegen. Dann ist endlich Ruh. Dann hält die Welt die Fresse. Einfach innehalten. So ein Berg hat Vorteile, es sieht dich keiner, wenn du hinein kriechst. Keine Konfrontation. Das hast du gar nicht nötig, du hältst einfach inne.

Ich tippe mechanisch. Das wilde Toben, Kreischlaute, Gejauchze und Gekicher höre ich wie aus dem Off. Das Off überwältigt mich, die Klangwolke ist nicht mehr auszublenden. Einatmen – ausatmen – der Versuch einer ruhigen Stimme. Die Sicherheit, das sich diese bemüht nette Stimme ungeduldig anhören muss. Kinder, könnt ihr bitte woanders spielen?

Langeweile ist wichtig für Kinder. Wieso fällt ihnen dann genau dann wenn sie sich langweilen, immer solcher Blödsinn ein? Können sie sich nicht still für sich langweilen? Ist Langeweile laut und schrill? Das ist mir neu.

 

Die Repeat-Taste

Immerhin, die Kinder glucksen jetzt Trampolin hüpfend. Spielen im Garten, ich haue in die Tasten. Pferdegetrappel wieder nach oben. Ich halte die Repeat-Taste gedrückt. Vielleicht lässt sich das Unweigerliche so überspringen. Aber das ist ein frommer Traum. Es ist alles so wie es sein muss. Einatmen – ausatmen – Geheul von oben – Trost spenden – Potter vorlesen.

Der Rechner im Arbeitszimmer ist verwaist – besser er als sonst jemand. Er hält das aus, schließlich stützt ihn der gigantische Berg aus unbeantworteten Emails, Aufträgen, Meldungen, Advertorials, Kurztexten, Fachartikeln, Korrekturseiten, Geschichten, Schreibversuchen und Stilübungen.

Meine Slow Motion Kurve führt mich in die Küche. Das Unweigerliche wartet in Form von dreckigem Geschirr und der unausgeräumten Spülmaschine. Keine Milch mehr? Mann kommt vom Spar zurück, Bier holen. Wir machen einen Abendspaziergang zum Bauern und seinem Milchautomat durch das warme, sommerleere Dorf. die Bewegung mag mein Körper.

Dann ist es vorbei. Als die Kinder im Bett sind, bin ich müde. Nein, ich will nichts mehr tun. Ich will nicht kreativ sein. Ich hab die Schnauze voll von Leistung. Nur sein. Da ich nicht nur sein kann, lese ich, bis mir die Augen fast zufallen. Dann organisiere ich mit meinem Partner den morgigen Tag. Vor dem Schlafen ziehe ich noch eine Karte: der Baumgeist des Lichts flüstert mir zu, das die göttliche Eingebung immer da ist, sogar in der Repeat-Falle, auch in der Bubblegum-Blase.

WMDEDGT in Hülle und Fülle bei Frau Brüllen.

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