Schnitzen lernen? Warum unsere Kinder scharfe Messer dürfen

Schnitzen lernen für Kinder

Schnitzen lernen? Bei vielen Eltern schrillen da erst einmal die Alarmglocken! Wir finden, dass Schnitzen lernen für die Entwicklung der Feinmotorik einwandfrei ist. Unser Großer schnitzt jetzt schon, seit er fünf Jahre alt ist. Zuerst hat er mit Taschenmessern in Ermangelung eines richtigen Schnitzmessers aus dem Wald mitgebrachte Stöcke und Stecken bearbeitet. Schließlich hat er sein erstes richtigs Opinel Taschenmesser – unser Favorit! es liegt besser in der Hand und lässt sich einklappen – wir haben auch ein Scout Kinderschnitzmesser. (Nur um hier mal Tacheles zu reden).

(Text bespricht ab  dem dritten Absatz Produkttests und Buchrezensionen)

Schnitzen lernen für Kinder

Schnitzen lernen war auch bei uns zunächst ein heiß diskutiertes Thema. Denn schnitzwütige Kinder im Kindergartenalter kommen vielen Eltern riskant und gefährlich vor. Da erzählt die eine Mami, ihr Neffe sei neulich mit blutspritzender Hand nach dem Schnitzen in die Notaufnahme eingeliefert worden, da warnt die Oma von wegen Messer, Schere, Licht – sind für kleine Kinder nicht! Doch so ungefähr ab vier oder fünf Jahren dürfen meiner Meinung nach Kinder das Schnitzen mal ausprobieren. Jedes Kind ist natürlich verschieden und nicht jedes hat auch die benötigte Kraft. Im folgenden Text erkläre ich, warum ich das Schnitzen lernen nur empfehlen kann.

Warum ich schnitzen lernen wichtig finde

Dann hatten wir Glück. In der ersten Klasse gab es einen tollen Nachmittagslehrer, der den Kindern im Wald das Schnitzen beigebracht hat. Um Schnitzen lernen zu können, braucht man vor allem eines: Einen Erwachsenen, der Bock drauf hat, sich daneben zu setzen und zuzuschauen.

Die Kinder, die schnitzen lernen wollen, haben das Glück eine wunderbare Erfahrung mit ihren Händen zu machen. Wie jede andere handwerkliche Tätigkeit ist das Arbeiten mit einem Schnitzmesser befreiend und beglückend zugleich. Arbeit mit unseren Händen erdet uns, bringt uns ins Hier und Jetzt, wir sind bewusst und achtsam. Wir sind aufmerksam und passen genau auf, was geschieht. Wir konzentrieren uns auf unser Tun. Das fördert die Konzentration und ist eine Übung in Achtsamkeit.

Die Arbeit mit Holz ist für viele Kinder etwas besonderes, was sie normalerweise nicht dürfen. Während viele zuhause und im Kindergarten mit Papier, Plastik, Kleber, Perlen, Federn, Wolle und so weiter basteln, sind Holzarbeiten seltener. Die Werkstatt-Opas und -Papas sind rar geworden. Auch Nägel in ein Brett einschlagen, macht nicht nur kleine Jungs glücklich. Auch die Mädchen sind stolz über ihr erstes selbst gehämmertes und an den Kanten angeschnitztes Schlüsselbrett.

Zum Umgang mit dem Material Holz kommt die Möglichkeit direkt vor Ort in der Natur schnitzen lernen zu können. Das ist ein Traum! Schnitzmesser sind wie eine Lupe praktisch im Wanderrucksack verstaut. Bei einer Pause im Wald lässt sich prima ein wenig schnitzen.

Unsere Schnitzregeln für kleine und große Kinder

Die Regeln zum Schnitzen für kleinere und größere Kinder sind einfach:

  1. Niemals mit dem Schnitzmesser herum fuchteln
  2. Bei mehreren Kindern: mindestens einen Meter, besser zwei Meter Abstand von Kind zu Kind einhalten. Jedenfalls sollte der Abstand länger sein, als der Arm des Kindes reichen kann. Regel Nummer 1 wird nämlich meistens vergessen!
  3. Eine Hand hält den Stock, die andere Hand hält das Messer!
  4. Unbedingt vorher die Schnitzrichtung erklären und gemeinsam mit den Kindern beachten: Geschnitzt wird vom Körper weg!
  5. kleinere Kinder nicht alleine lassen: Denn darauf achten, dass die Regeln eingehalten werden, müssen die Erwachsenen.
  6. nach dem Schnitzen gemeinsam die Messer sorgfältig aufräumen und verwahren
  7. den Kindern klar machen, dass am besten draußen oder in der Werkstatt geschnitzt wird. Sie auch mal selber die Holzbrösel aufkehren lassen und zur Mitarbeit anregen. Ich finde es gar nicht nett, wenn die Kinder nach dem Spaß verschwinden und die Eltern alles alleine aufräumen lassen. Was prima gemeinsam im Kindergarten klappt, ist zuhause oft frustrierend. Da hilft nur rasches Drankdenken und aktives Einfordern, dass alle gemeinsam sauber machen.

Kinder zum Schnitzen lernen motivieren

Ich kenne auch Kinder, und ja darunter sind auch Jungs, die das Schnitzen schwierig finden. Es braucht schon ein wenig Kraft und einiges an Ausdauer, um etwas zu schnitzen. Nicht sofort ist ein Resultat zu sehen. Oftmals liegt das an der Art des aus dem Wald mitgebrachten Holzes. Es gibt sehr hartes Gehölz – wie z.B. die Hölzer vom Kirschbaum oder das von Olivenbäumen. Da verlieren Kinder, aber auch so mancher Erwachsene schnell wieder die Lust am Schnitzen von Tee- und Suppenlöffeln, Messern, Brieföffnern, kleinen Gefäßen oder Objekten.

Hier entdecken wir schon wieder einen positiveen Lerneffekt beim Schnitzen: das Durchhaltevermögen wird geschult. Dennoch, zum Starten braucht es ein weiches Holz, sonst geht die Motivation zu schnell flöten. Ich kann hier Haselnuss oder Holunder sehr empfehlen. Für den Anfang sollten sich Kinder auch lieber etwas kleines vornehmen, nicht gleich eine Schale oder ein Gefäß. Wenn die Arbeit einfach so lange dauert, dann ist das auch demotivierend. Für Schalen empfehle ich dir und deinem Kind mit dem sehr weichen Speckstein zu arbeiten. Das macht zwar eine Riesensauerei beim Feilen und Schmirgeln, ist aber richtig effektiv. Gerade ungeduldige Kinder können so an das Handwerken herangeführt werden. Vielleicht bekommen sie Lust auf mehr!

Solche Tipps und mehr gibt Astrid Schulte in ihrem Buch “Meine Schnitzwerkstatt”, erschienen im Kosmos Verlag. (siehe Bild oben). Dem toll bebilderten Buch mit 35 Schritt-für-Schritt-Anleitungen liegt außerdem ein abgerundetes und stumpfes Kindermesser von Opinel bei. Wir hatten diese Messer ganz lange in Gebrauch und auch andere Marken von Schnitzmessern ausprobiert. Doch das stumpfe Opinel-Messer war am beliebtesten bei den Kindern.

Eine kostenlose App liefert die dazu gehörenden Videoanleitungen. Das Buch bietet zudem viel Inspiration zu praktischen Gegenständen, die aus Stecken und Holzstücken entstehen können. Denn nach der zehnten Pfeilspitze für den Flitzebogen braucht es neue Ideen für die kreativen Schnitzkünstler.

Starterset zum Schnitzen lernen

Wenn Kinder traurig sind oder aufgeben wollen, weil es bei ihnen nicht so gut klappt mit dem Schnitzmesser, empfehle ich die neu bei Kosmos erschienene Alleskönnerkiste “Schnitzen nach Farben” ab acht Jahren. Die farbigen Schichten des 3D-Motivblocks aus Kartoffelholz sind spielend leicht freizulegen. Das innovative Schnitzmaterial ist komplett aus natürlichen Rohstoffen und hat tolle Schnitz-Eigenschaften. Nichts splittert, wenn man mit dem beiliegenden Schnitzbeitel Schicht für Schicht freilegt. Da stellt sich schnell ein Erfolgsgefühl ein. Auch eine Schnitzunterlage ist dabei, doppelseitige Klebepads und Antirutschnoppen.

Inhalt Alleskönnerkiste Schnitzen von Kosmos

Wer nicht so das rechte Holz zur Hand hat, dem hilft die Alleskönnerkiste Schnitzen mit einem tollen Modell für ein Segelboot. In diesem Set ab acht Jahren ist ebenfalls das Opinel-Messer, Anleitungen zum Schnitzen und viele Ideen enthalten. Sie eignet sich also gut als Starterset zum Schnitzen lernen.

Immer wieder zur Hand nehmen unsere Kinder auch das ??? Kids, SOS Schnitzeljagd, ein spannender Fall der drei Fragezeichen und ein Survival-Kompass zum Herausnehmen. Tipps und Tricks der Detektive für Outdoor-Abenteuer gibt es obendrein.

Auch in meinem Kreativ- und Mitmachbuch “Familienbande im Jahreskreis” widme ich dem Schnitzen lernen ein eigenes Kapitel. Ich habe darin meine Anleitungen aufgeschrieben, wie ein Zauberstab, ein Hexenbesen und ein Talking Stick geschnitzt und verziert wird. In diesem hier verlinkten Beitrag verrate ich dir, wie das geht und wie unsere selbst gemachten Zauberstäbe aus der Zeit des Harry Potter Fiebers aussehen.

Räuchern für Familien mit kleinen Kindern: Familienbande im Jahreskreis

Schnitzkunst lernen: auch für Erwachsene eine entschleunigende Praxis

Finn Diebold von Open Carve schnitzt schon, seit er ein Junge war. Überhaupt liebt er Holz als Material, mit dem er sich schon auf vielfältige Weise auseinander gesetzt hat – nicht nur in seiner Waldorfschulzeit sondern auch bei der Arbeit in einer Zimmerei oder im Studiengang Holzgestaltung. Der gebürtige Heidelberger lebt in Innsbruck.

Eigentlich war er wegen den Bergen nach Innsbruck gezogen. Als er online nach geeignetem Schnitzholz suchte, fand er eine verwandte Seele. Linus. Immer mehr Leute im Dunstkreis der Hunoldstraße-WGs wollten das auch mal probieren, schnitzten mit, eigentlich schnitzt immer jemand im WG-Wohnzimmer.
Sonja Todd ist ebenfalls seit den Anfängen der Innsbrucker Spoon Carving Community mit dabei: „Als ich mit Linus zusammengewohnt habe, hat er tagelang nichts anderes gemacht als geschnitzt. Ich wollte einfach wissen, worin er soviel Zeit investiert und wie sich das anfühlt seinen eigenen Löffel herzustellen. Das Schnitzen hat mich sofort begeistert. Es hat eine beruhigende Wirkung auf mich, fast wie Meditation. Sich immer neuen Formen auszudenken macht Spaß und nichts ist schöner als am Ende den fertigen Löffel in den Händen zu halten.“

Jetzt wurde das Haus gerade abgerissen – ein weiteres Opfer des urbanen Immobilienhungers – und Linus ist fortgezogen. Er bietet jetzt Schnitzkurse und Workshops in Bern an (Instagram @holz_im_rucksack). Doch auch in Innsbruck hat sich das Schnitzfieber ausgebreitet. Den idealen Ort findet Finn mit der Werk Statt Couch. Als Mitglied der offenen Gemeinschaftswerkstatt organisiert er hier regelmäßige Treffen für die Open Carve Community.

Derzeit gibt es regelmäßige Einführungskurse und Schnitz-Workshops. Sie ermöglichen es, gezielt die speziellen Techniken für das sichere Arbeiten zu vermitteln und so Resultate zu erzielen, die über einen Zauberstab hinausgehen. So entstehen Löffel jeder Größe und Funktion oder Gefäße. Finn höhlt das Grünholz, das sich aufgrund seiner Frische und Elastizität gut zum Schnitzen eignet, vor den Kursen mit einem Beil aus, damit alle in einem Abend schon ein sichtbares Resultat erzielen.

Doch worum geht es beim Schnitzen eigentlich?

Sicher nicht nur um das fertige Produkt. „Beim Löffelschnitzen trainiert man die Hand-Auge-Koordination. Diese Übung ist auch für das Gehirn ein gutes Training“, erklärt Finn. Schnitzarbeiten erfordern Zeit und Durchhaltevermögen. Sie wirken entschleunigend per definitionem. Die Arbeit mit den Händen löst ein Gefühl von Zufriedenheit aus. „Du bist bei dir und hast nicht das Gefühl, irgendetwas zu verpassen. Du bist einfach da. Schnitzen ist der krasse Gegensatz zu den Sozialen Medien, die dir dir so viel Energie stehlen“, erzählt der Schnitzlehrer.

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